Vaka Malua – Immer schön langsam

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„You should sit in meditation for 20 minutes a day,
unless you´re too busy; then you should sit for an hour.“
Old Zen Saying

Ist das Leben eine zufällige Verkettung der verschiedensten Begegnungen und Ereignisse, die wir in der Hand haben oder gab es schon, bevor wir überhaupt auf der Bühne des Lebens existierten, eine sorgfältig, durch Regisseur Schicksal, ausgearbeitete Rolle?

Diese Frage stellte ein Freund mir letzte Woche und erklärte mir danach seine Sicht der Dinge: Das Leben, so stelle er sich vor, sei wie ein überdimensionales Brettspiel, auf dem wir uns wie kleine bunte Punkte umher schieben. Manchmal rauschen wir ineinander, manchmal aneinander, manchmal entfernen wir uns sehr weit voneinander oder verlieren uns gar ganz aus dem Augen und manchmal finden wir uns auch auf unerwarteter Weise wieder.

Ausgezoomt würde das Ganze aussehen wie das Weltall. Lauter kleine leuchtende Punkte. Mit dem Unterschied, dass dieses sich kontinuierlich bewegen, um so immer wieder neue Bilder und Geschichten entstehen zu lassen.

Ein Fidschianer würde das wohl ähnlich sehen. Mit dem Unterschied, dass er wohl nie darüber nachdenken würde, welches Bild es zwischendurch oder am Ende zu kreieren gilt, ist er doch viel zu sehr damit beschäftigt, das Umherschieben seiner Selbst zu genießen. Und darin sind Fidschianer wahre Experten.

Während meiner zwei Monate in Silana, gab es einen Satz, den die Einwohner des  200-Einwohner Dorfs mir ständig hinterhergerufen haben:

„Sophie, why are you walking so fast? Vaka Malua!“

Vaka Malua beutet soviel wie „Immer schön langsam“ und damit das absolute Gegenteil zu unserer rasanten Multitasking Gesellschaft. Noch mehr, es war das absolute Gegenteil zu mir.

Ich war stets die Expertin darin, die Zeit im Auge und den nächsten Schritt im Hinterkopf zu haben. Und angereist aus einer westlichen Welt, in der das Ziel, und vor allem meine absolute Achtsamkeit diesem gegenüber, den Weg schlägt, kam mir diese Sichtweise mehr als befremdlich vor.

Meine Reise entlang am Pazifik von der Südsee bis nach Alaska entpuppte sich als regelrechte Lehrstunde in Sachen Vakua Malua. Während der neun Monate war ich „nur“ in vier Ländern, bin die meiste Zeit zu Fuß gegangen und habe mich dem Seridpitäts-Prinzip folgend einfach treiben lassen, anstatt einer festen Route zu folgen.

Das Schöne an neuen Erfahrungen ist, dass sie, vorausgesetzt man lässt es zu, etwas im Kopf verändern. Bei mir war eben dies der Fall, als ich im Herbst 2014 nach Deutschland zurückkehrte. Auf einmal war selbst Fahrradfahren mir, der ehemals hyperaktive Effizienz-Expertin, zu schnell. Mal ganz abgesehen von Bus- oder Bahnfahren, das ich gar nicht mehr ertrug. Wenn ich irgendwo hinwollte, ging ich zu Fuß, auch wenn das bedeutet anderthalb Stunden früher loszugehen. Stundenlang spazierte ich durch die Stadt ohne zu wissen, wohin ich eigentlich wollte.

Auf fidschianisch gibt es auch dafür ein Wort. Gade. Einfach ohne Plan ein bisschen herumstreifen. Und das tat ich, denn zurückgekehrt in meine Welt, die doch nicht mehr meine alte war, erschien mir das sinnlose Herumschlendern instinktiv als beste Möglichkeit meinen Platz zurück zu finden.

Meinen Platz in der Welt fand ich dann schneller wieder, als ich Vaka Malua buchstabieren konnte. Die Zusammensetzung meiner Gehirnbeschaffenheit ähnelt scheinbar der einer dieser Memory-Foam Matratzen, denn so prägend die Eindrücke der Ferne auch gewesen waren, so sehr drängte mein Kopf mich wieder zurück in alte Denkstrukturen.

Und eh ich mich versah, hatte sich das sinnlose Herumschlendern zwischen A und B ohne Plan im alltäglichen Leben nach nur einem halben Jahr zurück in Deutschland wieder immer mehr zurückgezogen und ich war erneut hochkonzentriert darauf, B zu erreichen. Ein B, das noch nicht einmal mein Eigenes war.

Mein Leben war wie das Computer Spiel „Die Sims“, das ich als Teenager begeistert gespielt hatte. Das Prinzip dieses Spiels besteht daraus, Häuser zu bauen, Freundschaften zu schließen und Geld, sogenannte Simleons, zu verdienen. Sims können sich verlieben, heiraten und Kinder bekommen. Außerdem schickt man die virtuellen Spielfiguren arbeiten, damit sie fleißig ihr Guthaben an Simleons steigern und graded so ihr Leben immer wieder ab. Am Anfang kann man sich nur die billigen weißen Badfliesen leisten. Irgendwann, mit wachsendem Bankkonto, die hübschen blauen Porzellankacheln. Bis dahin ist es ein langer Weg vor dem Computer, untermalt von der typischen Sims-Jazzmusik. Es gibt allerdings eine Möglichkeit, diesen abzukürzen und diese lautet: rosedbud!;!;!;!;!;!;!;!;!

Das Wort rosebud bringt einem 1000 Simleons, jede weitere Kombination aus ;! noch einmal 1000 weitere Simleons. In der Computerspielsprache nennt man das einen Cheat. Ein Code zum Schummeln, der einen viele nervige Stunden des Wartens erspart.

Und auch ich cheatete mich zurück auf die Überholspur Richtung B. Es gab nur ein Problem, denn mein Leben, so musste ich feststelle, ist kein Computerspiel. Meinem Leben war das anscheinend noch lange vor mir klar, denn nach anfänglichen Erfolgserlebnissen, verfehlten all die Schummeleien ihre Wirkung. Es war, als würde das Universum von oben auf mich herunter zeigen, dabei laut „Sie war stets sehr bemüht!“ kichern und mich dann direkt zurück, die Monopoly-Fans hier wissen wovon ich rede, auf die Badstraße stellen.

Mein Weg war , auch wenn mir das oft nicht gefiel, ein anderer. Und auch jetzt habe ich oft noch das Gefühl, dass ich am liebsten aus vielen Situationen direkt in ein Nirwana names B marschieren würde. Zu nervenaufreibend erscheint mir das entspannte Annehmen einer temporären Situation, zu wenig vorankommend manche Phasen.

Aber ich habe dazugelernt.

Vom Leben und von den vielen Fidschianern, für die das Leben ein Spiel ist, in dem es nur um das Spielen, aber auf keinen Fall ums Gewinnen geht.

In der Umsetzung bedeutet das für mich jetzt vor allem zwei Dinge: Auszoomen und Herumschlendern.

Das ist gar nicht so einfach, denn gerade wenn ich wieder das Gefühl habe, dass das Volumen an Zeit einfach nicht mit dem meines eigenen Tages konform läuft oder ich mich auf der anderen Seite gefangen fühle und den Zeigern meines Lebens am liebsten mal wieder einen ordentlichen Schubs geben würde, fällt nichts schwerer als genau das zu tun.

Aber viele Dinge, die am Anfang erst befremdlich sind, eröffnen nach einer Weile ihre Magie. Ganz so als würden einen testen wollen, ob man diese auch wert ist. Das gilt für Wechselduschen, puren Zitronensaft und Frühsport ebenso wie für Auszoomen und Herumschlendern.

Ich habe es mittlerweile aufgegeben das Universum beschummeln zu wollen. Am Ende lande ich, oder der kleine leuchtender Punkt in der Galaxis meines Lebens, doch immer genau da, wo ich zu eben diesem Zeitpunkt sein sollte. Und tatsächlich befindet sich dieser oft weder in der Badstraße, noch in der Schloßallee oder in einem hübsch blau-gekacheltem Badezimmer.

Und deswegen nehme ich mir die fidschianische Lebensweisheit immer mehr zu Herzen.

Vakua Malua.

Auf der einen Seite um dem Universum, gerade wenn ich mich gestresst fühle, bei Spaziergängen meine guten Absichten zu beweisen und zu demonstrieren, dass ich nicht ungeduldig bin. Auf der anderen Seite, um nicht nur das Gefühl eine vermeintlichen Ankommen bei B zu zelebrieren, sondern vielmehr die Zeit des Schlenders auf dem Weg dahin aus vollstem Herzen zu kultivieren.

Und das immer schön langsam.


Für Christian z.M.

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