04/03/16 Be thankful 2.0

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 Delai & La

Denn es sind nicht die Glücklichen, die dankbar sind,
sondern die Dankbaren, die glücklich sind.

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren bin ich in ein Flugzeug in Auckland gestiegen, um eine der besten Sachen meines Leben zu tun. Und Fidschi, dieses unscheinbare Land am Rand der Weltkarte irgendwo im Pazifik zwischen Australien und Hawaii, machte sein Versprechen wahr. The island where happiness finds you. 

Aus dem geplanten einen Monat wurden vier, aus Fremden in einem Dorf meine Familie, aus Menschen die ich traf, Freunde fürs Leben. Noch nie in meine Leben wurde ich irgendwo mit solch offenen Armen empfangen wie in Silana, dem kleinen Dorf an der Nordostküste Viti Levus. Für meine fidschianische Familie war ich nicht nur ein Gast, sondern ein selbstverständlicher Zuwachs. Das achte Kind. Und obwohl sie selber nur so wenig besaßen  (der ein oder andere erinnert sich an die Geschichte mit der Taucherbrille, dem Heiligtum der Familie oder der uralten und seit Monaten kaputten Waschmaschine), war es ihnen ein Bedürfnis mich immer wieder zum Abendessen bei sich auf dem Wohnzimmerboden der Hütte einzuladen. Ich aß, sie guckten mir strahlend zu und fingen erst an sich etwas des selbstgefangenen Fischs zu nehmen, wenn ich satt war. The Real Fiji Experience, das ist das was sie mir mehr als alles andere schenken wollten. Das Gefühl in diese glückliche Gemeinschaft wie selbstverständlich eingewoben zu werden.

Zu meinen Erfahrungen auf Fidschi gehörten aber auch andere Dinge. Und stundenlange Stromausfällen, Ratten in den Betten und die unfassbare Hitze mit all ihren Gerüchen zählen da noch zu den amüsanteren Dinge. Menschen, denen keine medizinische Grundversorgung gewährleistet ist, Männer, die felsenfest davon überzeugt sind, dass das Gehirn einer Frau kleiner ist als ihres („pea brain“) und Schulkinder, die immer noch mit dem Lineal gezüchtigt werden, zu den weniger schönen Dingen.

Diese Erfahrung und die Begegnung mit den immer noch traumatisierten Kriegsopfern in Kambodscha Ende letzten Jahres (laut WHO immer noch ganze 80% der Bevölkerung) berührten mich zutiefst. Da musste man doch etwas tun. Doch was sollte ich genau tun? Geld spenden? Sich erneut ehrenamtlich irgendwo auf der Welt engagieren? Wo? Und dann wurde mir klar, das ich dieses Mal gar nicht so weit fliegen musste, um etwas zu tun. Denn die Menschen, die Hilfe benötigen waren auf einmal direkt vor meiner Haustür. Liefen mit gespendeter Kleidung und Plastiktüten in einem der teuersten Stadtteile Hamburgs  auf ihrem Weg zu ihrer neuen Unterkunft an mir vorbei, während ich in neonfarbenen Mulitfunktionsklamotten auf dem Weg zur Alster fleißig joggend an einer Reduzierung meines Körperfettanteil arbeitete. Also begann ich ab und zu dort vorbeizuschauen. Mit den Mädchen bunte Elfen zu malen und mir von den Jungs mit Feuereifer arabische Vokabeln beibringen zu lassen.

Und während ich dies tat, wurde meine Insel auf die Bretter geschickt. Am 20. Februar zog Zyklon Winston über Fidschi und verwüste das Paradies. Mein Paradies. Es bricht mit das Herz, die verwüsteten Fotos von Silana zu sehen. Häuptling Melli, der vor der kaputten Community Hall steht, in der wir mit allen soviele Abende um die Kava Schüssel getanzt sind. Die komplett zerstörte Kirche, die mir damals an meinem ersten Tag gleich das Phänomen Fiji Time näher brachte. Jeder kam und ging einfach wie er wollte. Die struppigen Palmen vor meiner ehemaligen Hütte, die aussehen, als hätte man sie mit einem Kamm auftoupiert. Kalevi, Mere und Soci vor ihren nicht mehr bewohnbaren Häusern, die sie jahrelang mit dem wenigen was sie haben so mühevoll errichtete haben. Ja, der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Aber hätte er sich nicht irgendeine andere, unbewohnte Stelle über dem Pazifik aussuchen können?

42 Menschen haben durch den Zyklon, den viele von uns hier noch nicht einmal mitbekommen haben, ihr Leben verloren. Zu unspektakulär ist doch ein kleiner tropischer Sturm gegen das, was sich sonst gerade noch an den unzähligen Krisengebieten dieser Welt ereignet. Das ist keine Wertung. Jeder Krieg ist einer zu viel. Und mit manchen Leidtragenden dieser Kriege spiele ich neuerdings ab und zu „Mensch ärger dich nicht“ oder male Mandala aus. Die Welt ist voller Chaos und ich verstehe es einfach nicht. Worum es mir geht, ist das Gefühl, das all diese Ereignisse der letzten Zeit in mir auslösen. Diese Gefühl heißt Demut.

Denn welcher willkürliche Zufall ist es gewesen, der mich ausgerechnet Mitte der Achtziger in einem kleinen norddeutschen Dorf in absoluter politischer und wirtschaftlicher Sicherheit auf die Welt hat fallen lassen? Ohne Tsunamis, Erdbeben oder Hunger. Stattdessen mit Eltern, die mit mir und meinem Bruder Piratengeburtstage gefeiert, mir bis zum Exzess Gute Nacht Geschichten vorgelesen und meine Ausbildungen finanziert haben, die es mir nun ermöglicht all die Flugtickets und modischen Sportklamotten zu kaufen.

Ich sehe bei Facebook die Fotos der Spendenaktion meiner Freundin Cas aus Australien, die immer noch auf Fidschi lebt, während ich von einem Nachmittag mit den Flüchtlingskinder zurück komme. Ferne und Nähe existiert nicht mehr. Die Anderen von denen man immer denkt, das ihnen solche Sachen passieren, sind auf einmal Kinder die mir zum Abschied hinterher rennen um mich zu umarmen oder Menschen, die mit mir ihr auf dem Boden ihr Abendbrot geteilt haben.

Das ist kein Aufruf  zu spenden oder sich wo auch immer ehrenamtlich zu engagieren (obwohl es bestimmt nicht die schlechteste Idee wäre). Das hier ist eher eine Erkenntnis, die ich in den letzte Wochen hatte und an die ich mich noch einmal bewusst erinnern wollte, bevor ich sie vor lauter Gedanken an Low Carb Rezepte oder Steuererklärungen wieder vergessen. Sie lautet:

Wir können uns ganz schön glücklich schätzen. Verdammt glücklich.

Leider hat man nur allzu oft besseres zu tun, als sich glücklich zu schätzen. Abwaschen zum Beispiel. Das Bett beziehen. Darüber nachdenken, ob es den Frühjahrsschlussverkauf eigentlich noch gibt. Hierzu also noch eine kleine Lebensweisheit meiner fidschianischen Mom La und ihrem Mann Delai, diesen unglaublich resilienten Menschen, die gerade dabei sind ihre Hütte wieder aufzubauen und wahrscheinlich trotzdem schon wieder Bula Vinaka grüßend durch die Gegend laufen. Denn Bula ist auf Fidschi so etwas wie das magische Wort. Es bedeutet nicht nur Hallo, sondern auch Leben. Ein Wort für jede Gelegenheit. Vinaka dagegen beutetet Danke. Was ich daran aber so faszinierend finde,  ist die Gebrauchsweise Denn indem sie es als ständige (und ich meine wirklich ständige) Grußformel nutzen, bauen sie sich sozusagen eine Eselbrücke zu ihren Glücksgefühlen. Oder wie Mama La immer sagte: „If thankful, you get happy.“

Und jetzt, genau hier. An diesem Freitagabend Anfang März möchte es einfach ganz laut herausrufen.

Bula Vinaka. Danke Leben.

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