27/12/15 Spread the love

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Es ist der erste Tag nach den Weihnachten. Sonntag. Ich fahre nach der Rückkehr aus Asien und den Feiertagen zurück nach Hamburg in meine Wohnung. Als ich aus der U-Bahn aussteige und die große Brücke überquere sehe ich einen alten Mann. Er sitzt auf der Sitzfläche eines Gehwagens und trägt eine Pudelmütze mit Norwegenmuster. Ich habe ihn hier schon öfters zwischen all den Menschen die morgens zu Arbeit hetzen oder am Nachmittag große Tüten von den vielen Supermärkten um die Ecke schleppen sitzen sehen. Aber an diesem Tag zwischen den Jahren auf den menschenleeren Brücke trifft mich sein Anblick auf einmal mitten ins Herz. Spontan greife ich nach einem Euro in meiner Jackentasche und werfe ihn im Vorbeigehen in seinen Pappbecher.

„Hattest du schöne Weihnachten?“, ruft er mir hinterher. Ich bleibe stehen. „Ja“, antwortet ich und gehe ein paar Schritte zurück. „Ja, ich hatte schöne Weihnachten. Und du, ich hoffe du hattest auch schöne Weihnachten?“, frage ich ihn und überlege im nächsten Moment, ob man einen Mann der in einer alten Daunenjacke auf einer Brücke sitzt und hofft, dass die Menschen ihm ein paar Münzen zustecken fragen kann, ob er schöne Weihnachten hatte. Aber die Sorgen sind umsonst, denn er fängt schon an zu erzählen und so erfahre ich, dass er die Feiertage ein paar Straßen weiter in seiner  Wohnung der Wohngenossenschaft verbachte hat, gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann ist, Anfang der Neunziger in Oslo gelebt und eine erwachsene Tochter in Berlin hat, das er für eine seelenlose Stadt hält. Er erzählt mir was er als Rente erhält und rechnet mir seine monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten vor. Rechnet man die 40 Euro die er zusätzlich aus Norwegen erhält, kommt er bei plus minus null heraus.

Und obwohl uns Welten und Jahre trennen, fühle ich mich auf einmal mit ihm verbunden, wie ich hier nach Wochen des Reisen das neue Jahr mit einer Mischung aus Spannung und leichter Nervosität erwarte und an kreativen Lösungen bastel um kurzfristig meine Krankversicherung und meine Miete zu bezahlen. „Das ist nicht viel“, sage ich. „Wovon lebst du denn dann?“ „Von meinen Gedichten“, sagt er, strahlt mich an und zieht ein Blatt aus dem Jutebeutel, der an dem Griff des Gehwagens hängt. „Das ist mein bekanntestes Gedicht. Es heißt Der Birkenbaum.“  „Also verkaufst du deine Gedichte?“, will ich wissen. „Nein, erklärt er. „Aber du hast mir etwas gespendet und wir unterhalten uns hier so schön und deshalb schenke ich dir ein Gedicht von mir. “

Unten auf dem Zettel lese ich seinen Namen. Arnfried. „Nenn mich lieber Arnie“, korrigiert er mich und reicht mir die Hand.  „So nenne ich alle meine Freunde. Wie heißt du?“ Ich stelle mir vor und er mustert mich. „Du hast ein starkes Gesicht, Sophie“, stellt er fest. „Ich hoffe du hast Abitur?“ Ich bestätige ihm mit einem Grinsen auf diese wunderliche Zusammenstellung meinen Schulabschluss und erzähle ihm nach weiterem Nachfragen was ich beruflich machen und an welchen Orten der Welt ich mich die letzten Jahre und Monate herum getrieben habe. „Dann musst du dir gar nicht so viele Sorgen machen“ stellt er fest. Woher weiß er das, denke ich? „Du hast ein offenes Herz, das spüre ich“, erklärt Arnie weiter. „Weißt du, Liebe ist zweifelohne die Basis von Allem.“ Er hebt die Augenbrauen. „Und das meine ich ganz platonisch. Ich bin zweiundsiebzig, also nicht das du denkst ich würde dir Avanchen machen“ stellt er die Situation klar. „Das weiß ich“, versichere ich ihm lächelnd. „Ich habe eine sehr weibliche Seele“, verrät er mir. „Ich bin sensitiv und spüre die Dinge und eins kann ich dir sagen: Ohne Liebe sind alle Dinge nichts.“

Er erzählt mir weiter von der Liebe auf der Welt und ich frage mich, wie ich in den letzten Jahren schon an diesem Mann vorbei gelaufen bin, ohne ihn in der Alltagshetzerei wahrzunehmen. Aber heute, heute habe ich einfach nur das, was die meisten Leute und ich in den Monaten vor meiner Abreise mal wieder nicht hatte. Ich habe Zeit. Und so unterhalten wir uns eine ganze Weile an diesem grauen Dezembertag auf der Brücke und sinnieren über Liebe, Kunst und Menschen. Arnie trägt mir ein weiteres Gedicht vor und demonstriert mir seine Norwegischkenntnisse, ich erzähle vom Reisen.

Auf eimal kommt ein Mann an uns vorbei und reicht Arnie eine Papiertütchen. „Ein kleines Frühstück“, sagt er und geht weiter. Arnie hält mir die Tüte mit dem Franzbrötchen hin. „Nimm du es“ sagt er. Ich protestiere. „Wirklich, das ist für dich“, sagt Arnie und bleckt die Zähne oder das was von ihnen noch übrig ist. „Ich kann doch eh kaum kauen. Außerdem versuche ich so wenig wie möglich zu esse wenn ich hier draußen bin. Das macht mich nur müde und hier draußen einzuschlafen ist nicht gut.“ Oh man, denke ich. Das wäre das gewesen, was ich auch als nächsten vorgehabt hätte. Arnie etwas zu essen kaufen. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ihm das nicht unbedingt weiterhelfen könnte.

„Wie kann ich dir denn sonst etwas Gutes tun?“ frage ich ihn also. Arnie strahlt mich unter seiner blau-weißen Pudelmütze an. „Ach“, sagt er „Ich würde mich einfach freuen, wenn du öfters mal zu einem kleinen Plausch vorbei schaust. Ich bin so alleine. Viele Leute schmeißen etwas in den Becher, aber nur die wenigsten bleiben stehen um sich zu unterhalten.“ „Das werde ich tun“, verspreche ich ihm. „Ach und ich würde mir wirklich freuen, wenn du das Gedicht lesen würdest“, sagt Arnie und deutet auf den Zettel in meiner Hand. „Vielleicht kannst du es ja in deiner Küche aufhängen. Oder noch besser, du erzählst deinen Freunden davon. Du könnest deinen Freunden von dem alten Mann erzählen, der zwar nicht viel hat, aber trotzdem weiß worum es im Leben geht. Das würde mich wirklich freuen.“

Und weil ich ebenfalls der Meinung bin, das die Liebe die Basis aller Dinge ist und ich zufälligerweise einen Blog mit jeder Menge Leser habe, die den vor Liebe sprühenden Arnie wahrscheinlich nie persönlich treffen werden, möchte ich diese Zeilen von ihm mit euch teilen. Denn bekanntermaßen ist Liebe das Einzige, was mehr wird, wenn man es teilt.


der birkenbaum

lieber birkenbaum ich schau auf
die schöne zeichnung an deinem stamm
ich sehe deine äste und den wipfel
sie schwingen im wind voll zartheit
von dem mein auge nicht lassen kann
mein herz spürt das alle und
ich schwinge in gedanken mit

auf dich könnte ich nicht klettern
ich hätte angst dir weh zu tun
vielleicht würdest du verstummen
deine zartheit tät schweigen
so sag ich nur, ich kann es nicht tun

du erscheinst mir wie ein besonderes zeichen
welchen gott der herr in seine landschaft gesetzt
du bist liebe und zärtlichkeit zugleich
ein merkmal das heute so selten ist

die autos rasen vorüber
du schüttelst deine krone als würdest du fragen
seht ihr nicht, die hektik nicht lohnt
du sagts außerdem und es ist ein stiller gruß von dir
schaut nur her wie gott am anfang alles bestimmt
die liebe und zartheit, sie sind es die frieden bringe

 

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