20/11/15 Make choices

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„When you don´t dress like every else, 
you don´t have to think like everyone else.“

Iris Apfel

Es gibt einige Phänomene, die irgendwie immer wieder an mir vorübergezogen sind, ich aber aus purem Desinteresse stets ignoriert habe. Künstliche Fingernägel gehören dazu, ebenso wie einmal einen James Band geguckt zu haben, der Besitz einer Perlenkette oder die Eröffnung eines Twitteraccounts.

Ausgerechnet Mitten in Vietnam taucht nun eins dieser Phänomene wieder auf. Und in Kombination aus einer gewissen temporären Reisemüdigkeit und Mangel an anderen englischsprachigen Filmen, entscheide ich mich, dass es nun die Zeit gekommen sit. Und so befinde ich mich kurze Zeit später in dem vietnamesischen Verschnitt eines Multiplex Kinos um dort in ohrenbetäubender Lautstärke zum ersten Mal ein Abenteuer des berühmten Geheimagenten zu verfolgen.

Es ist schon amüsant ausgerechnet während erneutem monatelangen Reise das abenteuerliche und ebenfalls reisereiche Leben von Herrn Bond ganze zweieinhalb Stunden zu verfolgen. Besonders wenn man dies in Flip Flops und Shorts tut, meinem liebsten Reiseoutfit im Kampf gegen die tropische Temperaturen.

Herr Bond dagegen marschiert am liebsten in maßgeschneiderte Anzüge durch die Hitze Marokkos. Seine Hemden sind stets perfekt aufgebügelt, egal ob er gerade zehn Sicherheitsbeamte überwältigt oder sich aus einem einstürzenden Gebäude gerettet hat. Ich dagegen ziehe meine Oberteile praktischerweise mehrmals hintereinander an. Die überaus attraktive Damen an Herrn Bonds Seite scheint dagegen entweder mit einem schrumpfbaren Ankleidezimmer oder einem ganzen Arsenal an Koffern zu reisen. Minustemperaturen in den Alpen? Kein Problem! Ein schulterfreies Oberteil aus Kaschmir sieht nicht nur unfassbar gut aus, sondern wärmt auch gleichzeitig. Ein spontaner Abstecher in die Wüste Marokkos? Kein Problem! Ein leichtes weißes Baumwollkleid ist in der Hitze angenehm zu tragen und schmeichelt der Figur. Ein spontanes Candlelight Dinner mit 007 in einer Eisenbahn. Kein Problem! Das bodenlange, sexy Seidenkleid ist für diesen Anlass gerade angemessen und lässt nicht nur den Geheimagenten, sondern auch die Gegner im wahrsten Sinne des Wortes durchdrehen.

Ganz zu schweigen von den perfekt manikürten und für diesen Abend extra Rot lackierten Fingern, die am nächsten Morgen plötzlich wieder einen schlichten Nude Ton haben und bei mir die Frage aufkommen lassen, an welcher Stelle zwischen Schießerei und dem Liebesspiel mit 007 die Dame wohl noch Zeit für eine Maniküre hatte… Ich dagegen trage an den Nagelspitzen nur noch die spärlichen Überreste jener Farbe mit der ich vor über anderthalb Monaten meine Nägel zuletzt lackiert habe.

Und im Gegensatz zu Herrn Bond und seiner Liebsten, reise ich nicht mit einem kleinen, leichten, eleganten Koffer aus teurem Ziegenwildleder, sondern mit einem unförmigen Ungetüm aus dunklem Polyester, das ich liebevoll „den dicken Käfer“ nenne. Mein Pony fällt mir nicht in einer Föhnwelle lässig ins Gesicht, sondern klebt wahlweise an meiner nassen Stirn oder wird einfach mit bunten Zopfgummis und dem Rest der störenden Mähne zusammengehalten.

Meine Fortbewegungsmittel haben weder Schleudersitze, noch Heckantrieb. Und während Herr Bond bevorzugt mit dem Helikopter oder dem Sportwagen reist, sitze in unter der brütenden Sonne schwitzend auf Fährtendecks, quetsche ich mich in enge Sitze von Nachtbussen oder tuckere mit Motorrollern, an denen das Coolste die Nummernschildverstärkung ist, durch die Gegend.

Mal ganz abgesehen von der Schnelligkeit. Heute London, morgen Österreich, übermorgen Marocco und dann zwischendurch schnell nochmal nach Rom. Hat Herrn Bond denn keiner gesagt, dass die Seele nicht so schnell reist wie der Körper? Stichwort Slow Travel…. Aber Herrn Bond scheint das nicht daran zu hindern die Welt zu retten. Nein, der Gute – so scheint es – braucht noch nicht einmal Schlaf. Außerdem ist er immun gegen Mückenstiche, Reisedurchfall und Sonnenbrand.

Zwei Tage später gehe ich zum Ballet in das Opernhaus von Saigon. In Shorts. Und Birkenstock. Ich kann mich nicht daran erinnern, das ich so schon mal in kurzen Hosen und offenen Schuhen im Ballet war. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass ich überhaupt schonmal im Ballet war. Als ich auf das in der Abenddämmerung beleuchtete und pompöse Gebäude zugehe zweifel ich für einen Moment. Wäre ein langes Kleid nicht vielleicht doch besser gewesen? Oder zumindest ein Rock?

Und dann kommt direkt neben mit ein Motorroller mit quietschenden Reifen zum Stehen. Mit einer eleganten Bewegung hüpft eine kleine Vietnamesin vom Sitz und steuert zielsicher ebenfalls auf die Oper zu. Sie trägt ein langes Kleid. Und Flips Flops. Mit Socken.

Die 94-jährige Modeikone Iris Apfel (wer diese Dame nicht kennt, möge sie bitte einmal googlen, es lohnt sich!) sagte einmal: „ Ich möchte andere Leute Stil nicht beurteilen. Der geht mich nichts an. Es ist auf jeden Fall besser glücklich zu sein als Stillos.“

Ich glaube, ich habe mich entschieden, denke ich und gehe ihr hinterher.

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