15/11/15 Jump around

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Don´t quit your daydreams.

Ich bin mit der Vorstellung der spezialisierten Ausbildung aufgewachsen. Am besten etwas erlernen oder studieren an dem man dann bei Einstieg in das Berufsleben immer weiter feilt, bis man dann irgendwann Experte für Weisheitszahn Operationen bei Angstpatienten, Steuererklärungen für Gewerbetreibende, Verpackungsdesign für Tierfutter oder ausländische Scheidungsverfahren ist.

Die Sache hat nur einen Haken. Denn bis auf ein paar wenige Auserwählte kommen nur die wenigsten Menschen mit der absoluten Gewissheit was sie die nächsten vierzig Jahre beruflich machen wollen auf die Welt. So geht es zumindest mir. Die Idee der spezialisierten Arbeitsteilung ist eine relativ junge Idee, die erst während der industriellen Revolution entstand. Das mag zwar auf der einen Seite sehr effektiv sein, macht aber auf der anderen Seite den Einzelnen vor allem eins. Unglücklich. Denn wir alle haben soviel mehr Facetten. Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl Leonardo da Vinci, ein Generalist in Perfektion, der nicht nur ein großer Künstler, sondern auch gleichzeitig Ingenieur, Architekt und Anatom war.

Ich zum Beispiel bin laut offizieller Bezeichnung Kommunikationsdesignerin und mag es insbesondere Corporate Design zu entwickeln. Ich wurde in meinem Leben aber auch schon für viele andere Dinge bezahlt. Ich habe mir auf Messen unzählige Stunden die Beine in den Bauch gestanden, mal in einem engen Kostüm, mal in einem Blaumann. Ich habe hunderte Waden massiert und Cornelia Poletto und John Neumeier jede Menge Cola Lights und Espressi serviert. Ich habe deutsche Rentner fotografiert, Ausstellungen geplant und mich in der Weihnachtszeit mit dem Packen der Päckchen für meinem eigenen Online Shop die Nächte um die Ohren geschlagen. Ich habe in einer Bäckerei Käsebrötchen und auf unzähligen Konzerten Erdbeerbowle verkauft. Ich habe Fotoshootings betreut, unfassbar langweilige Stunden stehend und nichts machend bei HSV Spielen neben dem Buffet verbracht (das nennen sie dort VIP Hostess) und Menschen bei Bodenfrost dazu gezwungen Liegestützen, Intervallsprints und Sit ups zu machen.

Außerdem gibt es noch jede Menge Dinge, von denen ich aber keine Ahnung habe, die aber spannend klingen und die ich gerne ausprobieren würde wie Wein anbauen, Möbel schreinern, Bücher schreiben, Gärten umgraben oder kleinen Mädchen Kampfsport beibringen. Ich möchte mich einfach nicht damit zufrieden geben, die ganze Zeit nur auf einer grünen Wiese zu stehen. Stattdessen möchte ich die Möglichkeit haben, umherzulaufen, zu erkunden, spüren wie sich das fremde Gras unter meinen Füßen anfühlt und neue Dinge lernen.

In Vietnam finde ich beim heimlichen Schielen über den Zaun überraschend viele neue Ideen. Hier kommen zwei Ideen an potentiellen weiteren Berufen in meiner Serienspezialisierung.

Warum nicht einfach ein ewiges Friseurstudio eröffnen? In einen Land mit einer durchschnittlichen Tagestemperatur von über zwanzig Grad, braucht man dafür noch nicht mal ein eigenes Studio. Einfach einen Spiegel an einen Baum oder eine Mauer aufhängen, ein Stuhl davor stellen. Fertig. Ich würde die Idee übernehmen und einfach nur an Tagen arbeiten, an denen das Thermometer mindestens 18,5 Grad im Schatten anzeigt.

Vielleicht würde ich ein paar Wochen bei einem Vietnamesen in die Lehre gehen um noch ein paar besonders Fähigkeiten zu lernen. Zum Beispiel wie man vernünftig einen Bart mit einer bloßen Klinge rasiert oder einige dieser raffinierten Undercut oder Irokesen Haarschnitte, die insbesonders bei Zweijährigen überaus beliebt sind. Dann würde ich meinen Spiegel in der Hamburger Innenstadt aufschlagen und in aller Ruhe Haare schneiden und Bärte stutzen. Die Kunden würden nicht zu mir kommen, sondern ich zu den Kunden. Ich würde morgens aufstehen und mich fragen „Mit wem möchtest du heute ein Pläuschen halten?“ und danach entscheiden ob ich mit meinem Spiegel Richtung Harvestehude, Schanze oder nach Harburg reisen würde.

Ich würde meinen Kunden den starken, schwarzen vietnamesischen Kaffee mit jeder Menge der klebrigen, zuckersüßen Kondensmilch anbieten und mit ihnen über alle möglichen Dinge sprechen. Manchmal würden einige Kunden etwas länger sitzen bleiben und wir würden in der Sonne noch einen Kaffee trinken. Und dann noch einen. Bis meine Hände irgendwann zu zitterig wären zum Schneiden. Dann würde ich mit einem kleinen blauen Plastikbesen die Haare am Boden zusammenkehren, den Spiegel nehmen und in aller Ruhe darüber nachdenken, an welchem Baum ich ihn morgen wieder aufhängen würde.

Meine zweite Geschäftsidee Idee basiert auf einem typisch vietnamesischem Tier, dem Wasserbüffel. Dies starken Tiere verhalten sich Menschen gegenüber sehr friedlich wenn sie an diese gewohnt aufwachsen. Selbst in großen Menschenmengen bleiben sie ruhig, was sie für meine letzte Geschäftsidee geradezu nur so prädestiniert: Geführte Wasserbüffeltouren durch Hamburg. Dafür würde ein kleines, noch junges Kälbchen nach Deutschland importieren. Ich würde den kleinen Bullen Bruce nenne und ihn in den Innenhof meiner Wohnung stellen um zu gewährleisten, dass die Nachbarn ihn jeden Tag grüßen und er sich an den Kontakt mit Menschen gewöhnen. Im Sommer würde ich ihn mit Schlamm einreiben, damit ihm nicht zu warm wird, im Winter würde ich ihn eine kuschelige Fleecedecke überlegen. Vielleicht würde ich seine Hörner gold lackieren… Einfach weil es hübsch aussieht. Dann würde ich mich ebenfalls hübsch anziehen und Bruce und ich würden zusammen Spaziergänge durch Hamburg machen, damit er seine neue Heimat besser kennenlernt.

Und nach einiger Zeit würden wir genau das dann für Touristen anbieten. Gemeinsam würden wir ihnen all die schönen Plätze unserer Stadt zeigen. Wir würden vom Jungfernstieg bis zum Planetarium spazieren. Wir würden auf den Asterwiesen eine Pause machen und zwischendurch einen Abstecher ins Grindelviertel machen. Die Alster in der Mitte Hamburgs würde endlich kein Problem mehr darstellen – Bruce würde einfach hindurch schwimmen. Ein weiterer Vorteil von Wasserbüffeln.

Irgendwann würden wir im Stadtpark ankommen und uns zwischen all den Familien, Grillmeistern, Joggern und Freizeitathleten ein Plätzchen auf einer Wiese suchen würden. Und während Bruce und die Kunden erschöpft von all den Eindrücken für ein kurzes Nickerchen auf der Wiese einschlafen würden, würde ich noch einmal über das Konzept der Spezialisierung nachdenken.

Denn wer weiß, vielleicht gibt es ja nicht nur die eine Wiese für jeden, auf der sich alles abspielt. Vielleicht müssen wir nur die die Löcher im Zaun finden oder einfach mal auf die Nachbarwiese spazieren. Und vielleicht stellt man dann sogar fest, dass man unerwarteter Weise auf einer Reisterrasse gelandet ist…

 

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2 Gedanken zu “15/11/15 Jump around

  1. Liebe Sophie,
    danke, dass du mich an deinen Gedanken teilhaben lässt und mir Blicke durch den „Zaun“ ermöglichst!
    Herzlichst Sigrun

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