13/11/15 Me too

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Eine aufregende Woche in Nordvietnam geht zu Ende. Eine Woche zusammen mit neun anderen Menschen verschiedenster Nationalitäten. Ein willkürlicher zusammengewürfelter Haufen aus Reiselust, lustigem Englisch und neun eigene Geschichten. Den letzten Abend feiern wir mit Bia Hoi, dem leichten selbstgebrautem Bier aus Hanoi, das man innerhalb von 24 Stunden trinken muss, bevor es schlecht wird. Dazu kommt es aber meist eh nicht, zuviel durstige Mäuler finden sich auf den kleinen blauen Plastikhockern in den engen Gassen Hanois. Und so falle ich an diesem Abend glücklich ins Bett.

Als ich am nächsten Morgen aufwache ist nichts von von dieser Stimmung übrig. Ich sitze am Flughafen von Hanoi, lese auf meinen Handy zum ersten Mal seit mehreren Wochen wieder die Nachrichten und weine heimlich. Paris. Anschläge. Terror. Welt, was ist nur los mit dir?

Das hier ist keine politische Botschaft. Das Internet ist voll mit Theorien und wenn ich ehrlich bin habe ich auch keine Ahnung wie man darüber schreibt. Aber was ich weiß ist, wie ich mich fühle. Das hier beschreibt das Gefühl, das ich in den letzten Tagen oft, und nirgendwann mehr als gerade heute, gefühlt habe.

Ich fühle mich klein.

Ich fühle mich klein, wie ich hier mitten in Asien in einer anderen Zeitzone sitze und daran denke, was für Nachrichten die Menschen Zuhause beim Aufwachen erwarten wird. Ich fühle mich klein, bei dem Gedanken, dass ich auf der Suche nach Erklärungen oder Antworten wahllos mit meinem Smartphone durchs Netz klicke, wohlwissend, dass ich diese nicht bei Google finden werde. Ich fühle mich klein, wenn ich sehe, wie via Facebook mit digitalen Handzetteln nach verschwundenen Freunde von Freunden in Paris gesucht wird. Ich fühle mich klein bei dem Gedanken, wie die Welt in diesen Stunden zusammenrückt, während an anderen Orten der Welt ähnliche Dinge passieren, ohne dass wir sie überhaupt mitbekommen. Ich fühle mich klein bei dem Gedanken, dass ich vor anderthalb Monaten auf dem Weg zum Flughafen die Aufnahmestellen für Flüchtlinge am Hauptbahnhof passiert habe, um fröhlich und voller Reisepläne das Land zu verlassen, in dem genau in diesem Moment die Menschen verzweifelt Zuflucht gesucht haben. Ich fühle mich klein bei meinen Gedanken, die ich mir Sorgen um meine Zukunft mache, während das Pärchen, das ich letzte Woche getroffen habe, einfach mit dem Fahrrad von Südvietnam bis zum Mount Everest fährt, um so Spenden für den Kampf gegen Landminen zu sammeln. Ich fühle mich klein bei dem Gedanken an Alain, der die letzten Tage Teil unserer Gruppe war und auf den Spuren seiner Tochter, die er durch einen Selbstmord verlor, durch die Halong Bucht reist. Ich fühle mich klein bei dem Gedanken, all die Freunde, die in diesem Jahr ein Elternteil beerdigen mussten. Ich fühle mich klein bei dem Gedanken an den chinesischen Mann, der eine Hmong Frau vor meinen Augen bedrängte, ihn zu den einheimischen Mädchen zu bringen um diese mit nach China zu nehmen. Ich fühle ich klein bei dem Gedanken an die Schwiegermutter von Si, unsere Hmong Führerin durch die Berge Nordvietnams, deren Schwester vor sieben Jahre nach China entführt wurde und von der bis heute keiner mehr etwas gehört hat.

In den letzten Tage habe ich wieder gespürt. Die Zerbrechlichkeit des Lebens. Was hilft in solchen Momenten? Was sagt man einem Vater, der seine Tochter verloren hat? Wie findet man eine Erklärung für das, was an diesem Freitag in Paris geschehen ist? Und wie erklärt man den vielen vietnamesischen Familien, warum es Menschenhändler gibt, die ihre minderjährigen Töchter nach China entführen?

Es gibt Momente, da hilft einfach kein weiser Rat, kein schlaues Wort. Ich glaube, in diesen Momenten hilft einfach nur ein Ich auch. Auch ich kann nicht verstehe, wie solche Dinge geschehen können. Auch ich fühle mich hilflos und gleichzeitig so wütend. Auch ich fühle mich verletzlich und klein.

Ich fühle mich so klein, dass ich an diesem Nachmittag meine Mutter anrufe. „Du bist in Da Nang?“ fragt sie. „Natürlich weiß ich wo das ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es im Vietnamkrieg immer hieß „Die Amerikaner fliegen Angriffe auf Da Nang“. Ich erkläre ihr, dass das einzig gefährliche hier wohl nur noch die Taschendiebe oder die Kamikaze-fahrenden Rollerfahrer sind. „Vor vierzig Jahren wäre es unvorstellbar gewesen genau dorthin zu reisen“ stellt meine Mutter fest.

Und dann spricht sie einen sehr schönen Gedanken aus. „Vielleicht wird es ja wieder ähnlich geschehen“, überlegt sie. „Ich wünsche mir, dass du irgendwann mit deiner Tochter telefonieren wirst und sie dir fröhlich berichtet, dass sie gerade in Damaskus gelandet ist um dort ihren Urlaub zu verbringen.“

Ich auch, denke ich. Das wünsche ich mir auch.

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