30/11/15 Play with Mud

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Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden,
kann man Schönes bauen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Ich fuhr mit dem Finger auf der Weltkarte des Reisebüros entlang und überlegte. Wenn man von Bali nach Hanoi fliegen wollte, müsste man auf Grund der Anbindungen einen Umweg nehmen. Kuala Lumpur hörte sich gut an. Der Name versprach, im Gegensatz zu meiner Vorstellung von Singapur (sauber, hochtechnisiert und somit uninteressant) Großstadt, aber auch einen Hauch asiatisches Abenteuer. Warum also nicht von Bali über Jakarta mit einem Zwischenstopp in Kuala Lumpur nach Vietnam reisen?

Tatsächlich bietet die Reisegeschwindigkeit eines Zeigefingers auf einer Schreibtischunterlage einen exorbitanten Vorteil: Man ist schneller. Man ist sogar so schnell zu glauben, dass man die Überfahrt von Bali und die 1200 km über Java mit dem undurchschaubaren indonesischen Bahnsystem in fünf Tagen schafft. Und so trat das ein, was auf Reisen so oft passiert: Man redigiert den Zuhause mit dem Zeigefinger gezeichneten Kurs.

In diesem Fall bedeutet das, dass ich mich nun im Ibis Budget Hotel in einem Vorort von Jakarta, unweit des Flughafens befinde. Draußen toben Waldbrände, Verkehrsinfarkt und Smog. Drinnen ist es klimatisiert und es läuft leise Jazz Musik. Es sind kaum Gäste vorhanden. Ein Mann in Hochwasserhosen bohnert unermüdlich den Boden, ein anderer steht seit über einer halben Stunde auf einem Hocker und wischt in aller Ruhe immer wieder gleichmäßig über die große Abzugshaube über dem Barbereich. Hier dreht sich alles wie auf einer Weihnachtspyramide mit metronomischer Sicherheit, das Personal ebenso wie die unzähligen Deckenventilatoren.  „Das ist doch animiert“, denke ich, als dieselbe Frau in rosafarbener Hoteluniform aus Blazer und Bleistiftrock zum vierten Mal an mir vorbei tippelt. Ich komme mir vor wie bei den SIMS . Es würde mich nicht wundern, wenn über den einzelnen Figuren die typisch grünen Steuerungsymbole auftauchen würden. Aber manchmal ist es eben genau das was man braucht. Hinaus aus der realen, hinein in eine künstliche Welt. Einen Tag abschalten, weit weg von Plänen und dem Leben um einen herum. Das System mal einen Moment auf Standby fahren, bevor es vor lauter Input kollabiert.

Genau das passierte vor über hundert Jahren mit Kuala Lumpur. Im Januar 1881 zerstörte ein Feuer einen Großteil der damals aufstrebenden Kolonie. Aber die Einwohner ließen sich nicht unterkriegen und begannen ihre Stadt wieder aufzubauen. Doch noch während sich Kuala Lumpur wie Phoenix aus der Asche wieder empor erhob, begann es zu regnen. Und zu regnen. Und zu regen. Und zu regnen. Fast ein halbes Jahr hielt der Regen und das damit einsetzende Hochwasser an und begrub auch den letzte Rest Hoffnung unter jeder Menge Schlamm.

Als ich am nächsten Tag aus der Ferne die riesigen Zwillingstürme der Petrona Towers sehe, scheint mir all das wie eine Sage aus einer anderen Zeit. Stolz strecken sich die Türme prächtig glänzend in den Himmel empor, erheben sich über die Skyline hinweg, die durchzogen ist von einer Mischung aus Hochhäusern, Moscheen und Tempeln. Erleichtert stelle ich fest, dass mein Gefühl mich nicht getäuscht hat. Das hier ist nicht einfach eine Großstadt. Das ist eine Stadt, in der überall das Verschmelzen der Kulturen sichtbar wird. Die Fenster der Hochhäuser sind spitz zulaufend und muten orientalisch an, die Moschee wiederum sieht aus wie Sommeredition des Tower of Londons und in den Straßen mischen sich die vielen hier arbeitenden Ausländer mit den zur Arbeit eilenden Frauen in Kopftuch, den Verkäufern in China Town und den Männern mit Turban in Little India.

Was es bedeutet, wenn Kulturen auf engem Raum miteinander auskommen, erlebe ich am Nachmittag mit zwei Wachmännern auf einer Bank beim Warten auf dem Bus  vor dem Center für traditionelle Kunst. Plötzlich hat es angefangen in dicken Tropfen zu regnen und so sitzen wir zusammen unter einem großen Holzdach und warten darauf, dass der Himmel wieder aufbricht.

„Ich bin aus Pakistan und Moslem.“ sagt der Kleinere der beiden unaufgefordert. Dann deutet er auf seinen Kollegen „Er ist aus Nepal und Hindu.“

„Welche Religion hast du?“, fragt der Größere mich.

„Christentum,“ sage ich. „Aber eigentlich bin ich gar nicht mehr in der Kirche.“

„Achso, ok“, sagt der Andere und nickt trotz meiner Aussage wie selbstverständlich und zustimmend. Wie gut, dass ich mich für Kuala Lumpur entschieden habe, überlege ich noch, als der Große plötzlich aufspringt, durch den strömenden Regen zur Einfahrt läuft und das Tor öffnet. Kurze Zeit später fährt eine Limousine vor, die von einem völlig durchnässten Polizisten auf einem Motorrad eskortiert wird. „Premierminister von Singapur“, sagt der Große erklärend und setzt sich in aller Ruhe wieder neben mich, während die Fahrgäste von lauter Menschen mit Kameras in das Innere des Gebäude geleitet werden. Kuala Lumpur hat es tatsächlich geschafft, mir trotz der Entscheidung zu seinen Gunsten, doch noch einen Hauch von Singapur zu bescheren. Die Stadt findet immer wieder einen Weg Dinge zu verbinden, damals wie heute.

„Some people feel the rain. Others just get wet“, sagte einst schon Bob Marley. Die Einwohner Kuala Lumpur so scheint es mir, haben noch eine dritte Möglichkeit entdeck: Sie nahmen einfach das Chaos aus Wasser, Erde, Dreck und den Überresten des großen Feuers und bauten daraus in einer Art etwas völlig Neues. Phoenix aus dem Schlamm.

Vielleicht, überlege ich, ist die jetzige Rolle als Schmelztiegel der Kulturen ja deshalb nur eine Art logische Schlussfolgerung. Denn wer aus Feuer, Wasser und dem daraus resultierenden Schlamm erfolgreich etwas Neues entstehen lassen kann, hat sich doch mehr als ein Experte im Spiel mit den Dualitäten erwiesen. Feuer, Wasser. Gestern, Morgen. Hindus, Moslems. Tradition, Moderne. Kuala, Lumpur.

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