26/10/15 Inhale courage, exhale fear

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What if I fall?
Oh Darling, but what if you fly?

Ich habe Angst vor Höhe, Nadeln und Wasser. Niemals würde ich Achterbahn fahren oder, so wichtig es eigentlich auch wäre, Blut spenden. Und vor allem würde ich nicht freiwillig den Kopf längere Zeit unter Wasser halten. Diese Angst wurde schon in der Grundschule zu einem Riesenproblem. Ich war diejenige die in der fünften Klasse unzählige Wochenenden mit ihrer Mutter im Schwimmbad verbrachte und dort verzweifelte daran übte einen verdammten Gummiring aus zwei Metern Tiefe zu ertauchen, um doch noch irgendwie das Bronze Abzeichen zu schaffen und so der drohenden Fünf durch Frau H. am Schuljahresende zu entgehen.

Und ich war diejenige, die in der achten Klasse, aus Angst davor einen Köpper vom Startblock zu machen (in einem Alter in dem das Wort peinlich zu einer Hauptvokabel wird), nur mit einer dicken, blaue Taucherbrille zum Schwimmunterricht gekommen ist.

Eigentlich hatte ich also vor Wasser, nach bestandenem Bronzeabzeichen und Versetzung in die sechste Klasse, für immer zu meiden. Aber dann traf ich letztens Jahr auf Fidschi Anna aus Amerika und wir beschlossen eine Weile zusammen weiterzureisen. Und Anna hatte einen Plan. Sie wollten den Tauchschein machen. Ich hatte also die Wahl: Wollte ich vier Tage lesend auf sie warten oder wollte ich meine Angst vor einer Sache, vor der ich echt Respekt hatte, überwinden? Ich entschied mich für Letzteres und was soll ich sagen, es ist mir nicht leicht gefallen. Die Aufgabe im Pool unter Wasser die Taucherbrille abzunehmen fand ich schon schlimm, aber das Ganze in sechzehn Metern Tiefe irgendwo im Pazifischen Ozean konfrontierte mich mit einer meiner tiefsten Ängste.

Aber das Schöne daran den Tauschein zu machen, wie auch die eigene Angst zu überwinden ist, dass es nach dem ersten Mal nicht mehr so schlimm ist wie am Anfang. Und manchmal erkennt man, dass sich hinter den kreativen Phantasiegebilden aus Angst, etwas versteckt, was einem sogar richtig Spaß machen kann. Ein Jahr danach sitze ich wieder auf einem Tauchboot, das sich den Weg durch den indischen Ozean bahnt und hinter sich einen Schleier aus Gischt zieht. Glücklich betrachte ich das Meer. Es ist ruhig. Himmel und Wasser sehen aus wie ein Mark Rothko Gemälde, zwei dicke Striche in einem dunkeln und hellen Blauton die diffus ineinander übergehen.

Ich sitze am Rand des Bootes, der schwarze Taucheranzug schmiegt sich wie eine zweite Haut an mich. Ich drehe den Tank auf, ziehe die Taucherflossen an, streife die Weste über und kontrolliere Verschlüsse, Gewichte und Atemgeräte. Der angsteinflößenste Moment ist immer noch der kurz bevor man anfängt, wusste schon der Meister des Horrorthrillers Stephen King. Aber mittlerweile weiß ich, dass dieser nur noch kurz ist. Also setze ich mich in voller Montur auf Bootskante, ziehe die Taucherbrille an und lasse das mulmige Gefühl in mir zu. Wohlwissend das es bald verschwinden wird. Während ich noch weiterdenke höre ich die Worte des Tauchlehrers der mir gegenübersitzt. „Backwardsroll, go!“, ruft er.

Und so lasse ich mich fallen, rückwärts aus dem Boot heraus. Mit einem Platsch lande ich im Wasser, tauche kurz unter und treibe dann an der Wasseroberfläche. Schnell noch die Maske richten, ein letztes Mal die warme Luft an der Meeresoberfläche atmen, den Regulator in den Mund nehmen und dann geht es abwärts. Ich drücke den Inflator und falle immer tiefe in den Ozean hinein. Atme ruhig Mut ein und Angst aus und sinke immer tiefer in das dunkle Blau hinein. Und dann ist er auf einmal wieder da, dieser eine besondere Moment, den ich am Tauchen so liebe. Das Gefühl des Fallens verwandelt sich ins Fliegen.

Um mich herum die bunte Welt, die man nur entdeckt, wenn man unter die Decke des Ozeans schlüpft. Ich schwebe, unabhängig von Elementen oder Aggregatzuständen, vorbei an schillernden Papageienfische, riesige Thunfischen und leuchtend grünen Seegurken die sich an bunten Korallen vorbeischlängeln. Am Grund zieht unbeeindruckt von dem Treiben am Riff ein Schwarzspitzenriffhai vorbei.

Und dann erreichen wir „Turtle´s Heaven“, den Schildkrötenhimmel. Wie auf einer Wolke sammeln sich sieben große Schlldkörten auf einem Plateau. Die Größte von ihnen ist über einen halben Meter breit und anderthalb Meter lang. Mit halbgeöffneten Augen liegt sie da und guckt mich an, als wollen sie sagen „Schön, dass nach all den Jahren du auch mal vorbeischaust.“ Schildkröten gibt es seit mehr als 220 Million Jahren auf der Welt. Mit Ausnahme der Polargebiete besiedeln sie alle Kontinenten. An Land kommen Meeresschildkröten gewöhnlich nur zur Eiablage. Die 20 Jahre nachdem sich nach Schlüpfung das Meer erreicht haben, nennt man bei Schildkröten die „verlorenen Jahre“, weil niemand so recht weiß, wo genau im Meer sie sich rumtreiben.

Ich weiß auch nicht, was in den letzen zwanzig Jahren passiert ist. Aber hier liege ich nun im wahrsten Sinne des Wortes tiefenentspannt achtzehn Meter unter dem Meeresspiegel und gucke einem Tier in die Augen, das noch vor Erfindung der Autobahn, des Farbfernsehens, und der Quarzuhr geboren wurde. Und das zu Zeiten, in denen ich mit einer Taucherbrille zum Schwimmunterricht ging, bereits 85 Jahre alt war.

Wieder muss ich an meine Schwimmlehrerin von früher denken. Siebzig Prozent der Erde sind mit Wasser bedeckt. Insofern hoffe ich Sie tauchen auch, Frau H. Ansonsten hoffe ich, dass Sie die restlichen dreißig Prozent dieses schönen Planeten genießen!

Für Maggie

 

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