21/10/15 Follow your tradition

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JUST GO

Als ich ein kleines Mädchen war, war ich immer fasziniert von den Geschichten meiner Eltern, die sie von ihrer Weltreise erzählten. Ich liebte die Erzählungen wie meine Mutter eine Python überfahren hat, wie sie einen Umweg von drei Tagen mit dem Zug nach Bangkok machen mussten, um dort Tickets auf dem Schwarzmarkt zu kaufen oder wie sie auf Zementbänken auf Bora Bora geschlafen haben.

1981 sind die beiden mit Zelt und Rucksack ein Jahr und drei Tage um die Welt gereist. Zu einer Zeit als es noch keine Handys hab, Fotos noch analog geschossen wurden, Unterkünfte noch nicht auf tripadvisor gelistet waren, Flüge noch nicht online gebucht werden konnten und Ubud noch keine Straßenlaternen besaß. „Schau ob es mittlerweile dort Licht gibt“, beauftrage mich meine Mutter. „Ich erinnere Ubud als dunkel Stadt mitten im Dschungel.

Und so geht es nach Tagen des Insellebens endlich in die ehemalige Dschungelstadt. Dschungel gibt es allerdings nur noch im Monkey Forest, einem abezäunten Bereich mitten in der Stadt, in dem die Affen frei herumlaufen, Touristen das Essen aus dem Rucksack klauen und entspannt für die unzähligen Fotos posieren.

Der Rest von Ubud ist ein bisschen wie ein schlaksiger Teenager. Zu schnell gewachsen. Aus der kleinen alternativen Künstleroase ist dank des Tourismus, der vielen hier lebenden Künstler aus dem Westen und nicht zuletzt auch wegen dem Bestseller „Eat Pray Love“ über Nacht eine Stadt geworden, die noch nicht so genau weiß wohin mit sich. Vielerorts werden neue Hotels gebaut, es herrscht Baulärm. Auf den Straße davor gibt es noch nicht einmal richtige Bürgersteige. Alle paar Meter klaffen tiefe Löcher auf der Straße, über die notdürftig Betonplatten gelegt wurden, damit man nicht mit einem Fuß in die Abwasserrinne tritt. Die Wachstumsscherzen sind sichtbar. Und dann sind da noch die Menschen aus aller Welt die in Scharen nach Bali kommen und Ubud wie ein aufsässiger Freund beeinflussen.

Damals, vor zehn Jahren, konnte man noch die Nachbarn und Freunde ansprechen, wenn man Hilfe bei der Ernte oder dem Hausbau brauchte, erklärt Guli mir. Als Dank reichte dann eine Schale Reis oder das Versprechen, beim nächsten Mal ebenfalls zu helfen. Das würde mittlerweile nicht mehr reiche, jetzt wollen viele für ihre Hilfe Gelds, so Guli.

Guli, ein Balinese um die dreißig, arbeitet in dem Homestay etwas außerhalb von Ubud und empfängt jeden neuen Gast freundlich. Er ist hier geboren, seine ganze Familie wohnt in einem Tempel zusammen. Mit vier Brüdern, deren Frauen alle nach der Hochzeit zu den Schwiegereltern gezogen sind, kann das manchmal eine echte Herausforderung sein, stellt er lachend fest.

„Aber das war für das Zusammenleben im Tempel gilt, gilt auch dafür wie wir mit dem immer stärkeren westlichen Einfluss umgehen“, erklärt Guli.  „Man kann nicht die anderen dafür verantwortlich machen. Es liegt an uns, ob wir uns beeinflussen lassen oder ob wir weiterhin zusammenhalten und uns auf unsere Wurzeln und Traditionen besinnen wollen.“

À propos Traditionen, da gibt es noch diese eine, die Guli besonders liebt. Fußball gucken. Ganze Nächte kann er so mit der Übertragung der englische, spanischen und deutschen Liga verbringen. Guli hat alle Spiele der letzten WM in Brasilien gesehen. Und ausgerechnet er, der größte Fußballfan, verpasste dann das Finale, weil er mit Dengue Fieber im Krankenhaus lag.

Als ich Guli erzähle, dass meine Mutter vor dreißig Jahren auch schon einmal hier war, ist er ganz entzückt. Und als ich ihm erzähle, dass sie ebenfalls ein großer Fußballfan ist, freut er sich noch mehr. Und als ich ihm dann sage, dass sie in Deutschland die gleiche Hausnummer hat wie er, erkennt er den großen Zusammenhang. Dann solle sie doch einfach noch einmal nach Bali kommen, schlägt er vor. Es würde ihm gefallen mit ihr über Fußball zu sprechen.

„Und ach ja, und Straßenlaterne, die haben wir mittlerweile,“ sagt er und lacht.

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