11/10/15 Don´t mess with karma

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How people treat you is their karma,
how you react is yours.

Wayne Dyer

 

Meine Damen und Herren, ich präsentiere: Die Deutschen. Die Deutschen sind eine domestizierte Form des Europäers und bilden mit ihm eine einzigartige Art. Zu den optischen Merkmale der Deutschen gehören meist Bauchtasche, Cargo Pants und dicke Trekkingblusen. Man erkennt sie ausserdem leicht an ihren elfenbeinfarbenen Waden, einem Schweißfilm, der sich chronisch überzieht und dem neutralen Gesichtsausdruck. Die Deutschen sind ein weltweit verbreitetes Phänomen, das man auf Reisen ausführlich beobachten und studieren kann. Ebenso wie ihre nahen Verwandte, die Schnecke, reisen sie am liebsten so, als wären sie immer noch zuhause.

Sie treten meist in einer symbiotischen Konstellation auf. Das bedeutet, sie müssen nicht zwangsläufig ein Paar, aber definitiv zu Zweit unterwegs sein. So findet man sie häufig gegenüber sitzend in Restaurant vor, wo sie täglich die Köpfe zusammen steckend das Haar in der Suppe suchen. Und das ist nicht schwer, schließlich ist das tropische Paradies voller kleiner Gemeinheiten wie zu weichen/ harten Matratzen, verspäteten Bussen oder dem falschen Essen.

Ist man auf der Suche nach guten Tipps sollte man dennoch immer einen Deutschen fragen. Im Gegensatz zu ihren weit entfernten Verwandten, den Amerikanern, brechen sie bei ihren sachlichen Berichten über abgehakte Punkte der Reiseliste nicht in euphorische Begeisterung (aweeeesome/most beautiful spot ever, best meal of my entire life) aus, sondern bestätigen meist Schulter zuckend „Na ja, war ganz ok“, was die persönliche Erwartung deshalb nicht zu hoch ansetzt und so die Freude umso großer werden lässt, wenn man dann doch unerwarteter Weise wunderschöne kleine Fleckchen Erde entdeckt, die mehr als nur ok sind.

Eine besondere Vorliebe haben die Deutschen für Preise. So sind sie stets bereit nur wenig auszugeben, trauen sich aber auch nur selten zu handeln und finden am Ende dann wieder alles zu teuer. Erstaunlicherweise hält all die schreckliche Erfahrung die Deutschen nicht davon ab sich in den Flieger zu setzen und 17.000 Kilometer von Deutschland nach Asien zu reisen und dort das Restaurant mit der besten Pizza zu suchen.

Seit einer Woche bin ich nun in Indonesien, seit fünf Tagen auf Nusa Lembongan bei Tao und seiner Familie. Die Unterkunft ist für balinesische Verhältnisse sehr exklusiv. Es gibt einen großen Pool, trotz der extremem Dürre (seit Januar hat es nicht mehr richtig geregnet) einen prächtig angelegten Garten und wunderschöne Zimmer mit Badezimmern ohne Dach, sodass man unter freiem Himmel duschen kann.

Wieder einmal sitze ich alleine beim Frühstück und genieße die süßen Bananenpfannkuchen mit Honig, frischer Papaya und Mango und heißem balinesischen Kaffee, dessen Satz so schön zwischen den Zähnen knirscht, wenn man die Tasse nicht ruhig genug hält um ihn unten zu sammeln. Neben mir als einzige weitere Gäste am Tisch mal wieder ein besonderes Exemplar der Deutschen. Während ich noch darüber nachdenke, ob ich wohl lieber erst etwas schreibe, vorher in den Pool hüpfe oder doch einfach noch etwas Taos Frau, die vor der Küche sitzt, über das balinesische Leben ausfrage, hat diese Exemplar bereits wieder die Köpfe zusammengesteckt um eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse seit gestern Abend zusammenzutragen. Das Wasser der Dusche heute morgen war zu kalt, aber auch zu salzig, erklärt der weibliche Teil bestimmt, worauf dem männlichen Gegenüber, das Stück Plastik einfällt, das er gestern in seinem Fruchtshake vorgefunden hat.

Ich vertiefe mich weiter in meinen Reiseführer und versuche die Gefühlsmischung aus Fremdscham, Wut und Genervtheit zu unterdrücken. Ich kann das endlose Genörgel nicht mehr hören und frage mich ob die Deutschen einfach nur zu pingelig sind oder vielleicht doch öfters Pech haben, eine Art Reiseausprägung von Murphys Law etwa? Bevor ich noch eine Antwort finden kann, steht der weibliche Part des Gespanns auf, zieht die Bauchtasche zurecht, steuert zielstrebig auf Taos Frau zu und sagt:

„Breakfast was not good.“ Taos Frau guckt sie erschüttert an, zieht die laminierte Speisekarte mit der Frühstücksauswahl hervor und versucht ihr zu erklären, dass sie sogar aussuchen kann was sie möchten. Ein kleiner balinesischer Angestellter kommt dazu. Keiner der beiden versteht die Frau, die in ihrem Stakkato Englisch weiter die Fehler erklärt, die angeblich bei der Zubereitung des Frühstücks passiert sind. Taos Frau tippt verzweifelt erneut auf die Karte und sagt immer wieder „But you can choose“. Und plötzlich, ohne Vorwarnung holt der weibliche Teil des deutschen Gespanns zum ultimativen Rundumschlag aus.

„That was the worst breakfast I ever had on Bali“, verkündigt sie und geht.

Taos Frau und ihr Angestellter gucken sich irritiert an, ich werfe den beiden einen entschuldigenden Blick zu. Hätten die Deutschen doch mal besser in ihrer deutschen Ausgabe des Lonely Planet gelesen. Dann hätten sie nämlich gelernt, dass Frühstück hier etwas untypisches ist und die Balinesen sich ihren Appetit meist für das Mittagessen aufheben. Das Frühstück hier bei Tao ist vielleicht kein riesiges Buffet wie in einer Hotelkette, aber es ist lecker, liebevoll zubereitet und man hat stets die Wahl zwischen einer Auswahl an Toast, Eiern und Pfannkuchen.

Hätten Sie dann noch ein bisschen weiter im Lonely Planet geblättert, hätten sie noch etwas gelernt. Nämlich das es etwas gibt, was für die Balinesen weitaus wichtiger als Frühstück ist. Karma. Karma ist der Boomerangeffekt des balinesischen Glaubens. Alles was du tust kommt zu dir zurück, Gutes ebenso wie Schlechtes. Das bedeutet, dass jeder selbst für sein Glück und Unglück verantwortlich ist. Also sorgen die Balinesen für dharma (das Gute) indem sie stets die kleinen Opfergaben für die Götter bereitstellen, stets um ein freundliches Lächeln bemüht sind und versuchen adharma (das Böse) so weit wie möglich zu vermeiden.

Die Äußerung heute morgen beim Frühstück war in meinen Augen eine komprimierte Ladung adharma und erklärt vielleicht die Vorkommnisse der letzen Tage. Vielleicht ist das deutsche Pech doch nicht eine besondere Reise Form von Murphys Law, sondern einfach in eine Art Karma Teufelskreis…

Um sich aus diesem zu befreien gibt es, außer für dharma zu sorgen, zum Glück noch eine andere Möglichkeit und diese heißt ngulapin. Ein Ngulapin ist ein Reinigungsritual das für Vergebung steht und die Götter um erneuten spirituellen Beistand bittet. Dafür muss ein Tier geopfert werden. Manchmal ist es auch mit einem Hahnenkampf verbunden um das Verlangen des Geistes nach bösem Blut zu stillen.

Am späten Nachmittag bestelle ich mir einen würzigen Eintopf aus Pak Choi, Möhren und Hühnchen. Ich habe etwas die Hälfte gegessen, als ich es sehe. Das was da lang und dünn direkt vor mir schwimmt ist nicht etwa das Haar in der Suppe, sondern etwas Anderes. Eine Hühnerkralle. Ich muss grinsen. Das ist vielleicht kein richtiges Tieropfer, überlege ich. Aber möglicherweise eine Art Mini Ngulapin und trotzdem ausreichend, um den Karma Boomerang zu stoppen. Und so widme ich die Hühnerkralle all meinen deutschen Landsleuten, bitte die Götter um Vergebung und hoffe das unser Karma damit rehabilitiert ist.

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