28/09/15 Make a happy life

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Es ist Montag nachmittag. Ich stehe an einem Rednerpult und lese einen Text vor, den ich geschrieben habe. Das habe ich nun seit fast einem Jahr nicht mehr gemacht. Viel daran gedacht, ja. Aber nicht geschrieben. Nun habe ich es also endlich mal wieder getan. Der Text ist schön. Er berührt die Leute. Einige weinen.

Nur der Anlass ist falsch. Ich stehe in einer Trauerhalle. Neben mir steht dein Sarg. Deine Frau und deine Kinder gucken mich an. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Wie soviel andere hast im letzten Jahr auch den Blog verfolgt, sogar einen Link an deinen Bruder verschickt. „Ich habe das Gefühl, da ist jemand ganz schön auf der Suche“, kommentiert dieser meine Texte.

Oh ja, das war ich. Neun Monate und noch viel länger. Nach meiner Rückkehr vor einem Jahr fiel es mit schwer mich wieder einzugewöhnen. Ein bisschen hatte ich wohl auf die große Erleuchtung am Ende gewartet. Als ob sich nach all der Zeit des Reisens und der Entbehrung als eine Art Belohnung eine Tür zu einer neuen Welt aufmachen würde. Das nächste Level. Aber nichts passierte. Es ging weiter wie bisher. Und auf einmal kam mir alles so banal vor. Fast ein Jahr lang wollte ich nichts mehr mit dem Blog und der Reise zu tun haben. Zweifelte an mir und meinen Entscheidungen.

Und dann bist du gestorben. Mensch Uwe, das war echt der Hammer. Einfach so plötzlich und ohne Tschüss zu sagen. Ich wollte dich doch noch soviel fragen. Zum Beispiel wie das geht, selbständig erfolgreich sein oder wie man das macht, die Sache mit dem Glücklich sein.

Vor ein paar Jahren veröffentlichte die ehemalige Krankenschwester und Palliativpflegerin Bronnie Ware das Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Darin zählt sie die Sachen auf, die Menschen auf dem Sterbebett am meisten bereuen. „Ich wünschte ich hätte nicht soviel gearbeitet“ ist einer dieser Gedanken. Aber auch „Ich wünschte ich hätte den Mut gehabt meine Gefühle auszudrücken“, „Ich wünschte ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten“ oder aber „Ich wünschte ich hätte mir erlaubt glücklicher zu sein“.

In den letzten Wochen musste ich immer wieder an dieses Buch und diese fünf Dinge denken. „Einsichten die ihr Leben verändern werden“, lautet der Untertitel. Hättest ich dir das erzählt, hättest du wahrscheinlich nur gelacht. Wieso denn das Leben verändern, wenn man es auch gleich so leben kann wie man möchte? Denn während ich noch an ihrem perfekten Leben herum gefeilt haben, hast du einfach gelebt. Einfach bewusst und ohne einen großen Hehl darum zu machen. Du warst keiner zu dem man bewundernd aufschaut, wohl aber jemand den man inspiriert anschaut.

In den letzten Wochen und nach den Gesprächen mit der Familie und deinen Freunden wird mir immer mehr klar, was für eine wichtige Rolle du für uns alle hattest. Du warst ein Vorbild. Wikipedia sagt „Ein Vorbild ist (…) eine Person mit beträchtlichem Ansehen beim Beobachtenden, welches zum Nachahmen einlädt.“ Und weil unglaublich viele Menschen dich so sehr geschätzt haben, möchte ich von dir erzählen. Damit wir dich nicht vergessen. Und damit die Geschichten von dir zum Nachahmen einladen.

Zum Beispiel dazu, die kleinen Momente des Alltags mehr zu genießen. So wie du es gerne jeden Tag um 11:00 Uhr gemacht hast. Bist aus dem Büro aus Keller hoch auf die Terrasse und hast du zu deiner Frau gesagt „So, jetzt machen wir erstmal eine Kaffeepause zusammen“. Weil es die kleinen Dinge sind die zählen und weil die kleinen Dinge rückblickend zu den großen Momenten werden.

Oder Geburtstage wieder mehr zu feiern. Niemals wärst du auf die Idee gekommen einen Geschäftsreise auf den Geburtstag deiner Lieben zu legen. Familie schlägt Beruf. Für dich hat nicht gezählt was wir im Leben haben und wie es mehr wird, sondern wen wir haben. Und das musste schließlich gefeiert werden.

Oder davon sich mal wieder bei alten Freunden zu melden. So wie du es in diesem Jahr besonders oft gemacht hast. Sie nicht bei Facebook suchen, sondern einfach mal nach zwanzig Jahren wieder durchrufen und einen Besuch vereinbaren.

Oder soviel Zeit wie möglich mit der Familie zu verbringen. Auch wenn das bedeutet auf Christina Aguilera Konzerte zu gehen oder die kranken Eltern zu pflegen. Seine Lieben nicht nur vor dem Bahnhof rauszuschmeißen, sondern sie bis ans Gleis zu bringen und zu winken.

Oder einfach mal freundlicher zu sein. Du warst immer gut gelaunt, hattest für jeden ein nettes Wort. Du meintest es immer gut mit dem Leben und das Leben mit dir.

Oder soviel wie möglich zu verreisen. Die Zeit zu nutzen und sich die Welt anzugucken anstatt Reisepläne auf ein Zukunftsnirwana namens Ruhestand zu verschieben. Ständig warst du mit deiner Frau unterwegs. China, Schottland, Irland, Australien, Namibia, Vietnam, Kalifornien. Während die anderen noch träumten wart ihr schon längst da. Dieses Jahr über Weihnachten sollte es zum ersten mal mit der ganzen Familie nach Sansibar gehen. Darauf hattest du dich so gefreut.

Oder den Leuten zuzuhören. Und so aufmerksam zu sein, dass es erst wieder Monate später auffällt. Wie an diesem einen Weihnachten, an dem du und deine Frau gleichzeitig den gleichen bunten Bademantel ausgepackt habt, von dem ihr ein paar Monate zuvor beide so begeistert wart.

Oder die Liebe mehr zu schätzen. Über ein Vierteljahrhundert ward ihr verheiratet, im Mai haben wir noch auf euren 30. Hochzeitstag angestoßen. Kennengelernt habt ihr euch damals in der Uni Mensa. Zu eurer Silberhochzeit wolltest du genau das feiern. Aber nicht in einem schicken Restaurant an der Kö, sondern eben in genau diese Mensa der Universität Düsseldorf.

Oder rauszugehen. Die Arbeit Arbeit sein zu lassen, sich das Fahrrad zu schnappen und einfach die Natur zu spüren. Sich umzuschauen und festzustellen, dass das was uns da umgibt großartig ist. Die Dinge zu sehen auf die es wirklich ankommt. Dinge für die es keine App gibt.

Oder sich das Glück einfach selber zuzugestehen und für die Zeiten zu sorgen, damit dass es einen auch findet. Egal ob bei unzähligen Wandertouren mit dem besten Freund aus Kindertagen, schweißtreibenden Yogakursen oder bei einem kurzen SMS Austausch mit deiner Frau.

Also überlege ich, in was ich dich als mein Vorbild gerne nachahmen würde und schon fallen mir eine Menge Dinge ein. Auf die kleinen Dinge achten zum Beispiel. Oder die nächste Reisen planen. Auf Jobtitel pfeifen und einfach das hören, was ich wirklich machen möchte. Lieber leben um auszudrücken anstatt zu beeindrucken. CEO des eigenen Lebens werden.

Und so fange ich wieder an zu schreiben. Obwohl die Tür zum nächsten Level sich nicht geöffnet hat, ich immer noch auf die Erleuchtung warte und zuhause im Alltag feststecke anstatt die Welt zu erkunden. Denn wenn ich eins von dir gelernt habe, dann das man kein glückliches Leben findet, sondern man sich selber eins macht.

In Erinnerung an Uwe.
Wir vermissen dich.

 

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