23/09/15 Take your time

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Es ist Mittwoch Mittag. Ende September, Herbstanfang und mein Geburtstag. An der Tür klingelt es. Vor mir steht mein Nachbar Johannes von gegenüber. Wir kennen uns vom Sehen, grüßen uns oft im Vorbeigehen im Treppenhaus. Er überreicht mir ein großes Paket, das er für mich angenommen hat.

„Das ist ja wie Weihnachten“, sagt er.

„Nein, wie Geburtstag“, korrigiere ich ihn.

„Ach, das trifft sich gut “,stellt er fest und umarmt mich. „Ich habe gerade einen Kuchen gebacken.“

„Na, dann würde ich sagen, du holst ihn rüber und wir trinken wir einen Kaffe zusammen“, schlage ich ganz spontan vor.

Und so sitzen wir, Fremde obwohl wir seit Jahren nur ein paar Meter auseinander wohnen, kurze Zeit später bei Kaffe und Kuchen am Küchentisch und sinnieren über die Gefahren durch künstliche Intelligenz, die Probleme beim Online Dating und unsere Vorstellung von Arbeit und Leben.

Johannes ist 65 und bereits pensioniert. Eigentlich wollte er technische Zeichner werden. Damals nach dem Schulabschluss war er bei einer Informationsveranstaltung auf Kampnagel. Zu einer Zeit als das noch keine hippe Veranstaltungslocation, sondern eine Kranfabrik in Winterhude war und man bei der ersten Bewerbung oft schon eine Zusage für einen Ausbildungsplatz bekam.

Nach einer Beratung beim Arbeitsamt entschied er sich dann aber doch für eine Ausbildung bei der Deutschen Bundespost. Die Ausbildung zum Fernmeldetechniker wäre eine gute Entscheidung, riet man ihm dort. Ein Beruf mit Zukunft. An die Ausbildung erinnert er sich immer noch gerne zurück. Da war nicht Produktivität gefragt, sondern Experimentieren.

„Das war richtig cool“, erinnert er sich. „Aber das Wort gab es damals noch gar nicht!“

Jahrelang war er danach als Techniker in ganz Hamburg unterwegs. Es war eine tolle Zeit. Er genoss den Kontakt mit den Menschen. Die verrückten Geschichten, die er Tag für Tag vor Ort bei den Kunden zuhause erlebte. Verrückte Bewohnerkonstellationen, Messie Wohnungen oder Damen die ihm nur mit offenem Bademantel die Tür öffneten. Jackpot!

Manchmal wurde man aber schon auf dem Weg durchs Treppenhaus beschimpft. Viele Kollegen konnten das gar nicht haben. Fachwissen qualifiziert einen eben noch lange nicht für den Umgang mit Menschen. Für Johannes galt das nicht. Er wusste um seine Gabe, mit der er es immer wieder schaffte die Kunden zu beruhigen.

Die Jahre vergingen und die Dinge veränderten sich. Die Deutsche Bundespost hieß nun Deutsche Telekom. Kupferkabel wurden durch Glasfaserkabel ersetzt. Johannes wechselte in eine andere Abteilung und machte seinen LKW Führerschein, arbeitete zwischendurch für das Museum für Kommunikation.

Manche Sachen macht man eben nur ein paar Jahre und dann ist es auch gut, erklärt er mit. Er habe sich aber immer wieder überwunden etwas Neues zu tun. Und wenn es nur mal ein anderer Weg zur Arbeit war.

„Meine berufliche Laufbahn mag wenig spannend und vielleicht sogar etwas langweilig wirken. Aber ich weiß, dass ich immer sehr kreativ gearbeitet habe. Kreativ zu arbeiten ist eine bewusste Entscheidung und nichts was man nur im bestimmten Berufen macht. “

Für mich als Teil der kreativen Branche ist ein interessanter Gedanken. Kommt es mir doch so oft wie das Gegenteil vor und ich frage mich, ob sich in Wirklichkeit nur stumpfe Bürojobs unter dem glitzernden Schein der Kreativität verstecken. Zählt eine Eingabe in der Suchmaske bei Google als Brainstorming? Was ist es, was meine Arbeit kreativ macht? Und nehme ich mir eigentlich noch die Zeit kreativ zu denken? Ob das heutige ständige Kommunikationsangebot durch Internet uns das Denken abnimmt und nach und nach unsere eigene Vorstellungskraft und Kreativität verdrängt, will ich wissen.

„Nun, das mag auf viele Leute zutreffen, aber ich bin älter als das Internet“, rechnet er mir grinsend vor.

Älter aber nicht alt. Seit ein paar Jahren ist Johannes in Rente. In Frührente. Als man ihm mit Ende fünfzig erst Altersteilzeit und dann die Pensionierung anbot war ihm sofort klar, dass er das Angebot annehme würde. Er wusste für welche Dinge er mehr Zeit wollte. Ausflüge ins Umland. Kaffeetrinken mit Freundinnen. Seine Plattensammlung. Die kleinen Dinge.

„Denn Zeit ist das größte Geschenk war wir haben“ sagt er.

Die kleinen Dinge habe auch ich im letzten Jahr bei meiner Reise um die Welt gesammelt. A thing each day. Immer auf der Suche nach Leuten und ihren Geschichten. Nach ihren Vorstellungen vom Leben, von Glück und ihren Träumen. Heute an meinem Geburtstag habe ich, ohne das ich danach gesucht habe, das schönste Geschenk bekommen. Drei Stunden philosophieren mit Johannes.

Manchmal wohnt das Glück eben direkt um die Ecke.

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