27/06/14 Meet Grandma Joe

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Und in die Herzen, traumsgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke

Grandma Joe ist ein Unikat. Nichts da mit der Marionettenrolle der alten Dame. Zu alt? Der Geist ist nie zu alt. Grandma Joe ist eine laute, lebhafte Lady, die die ihre Umwelt immer noch verwundert, beglückt, aufscheucht und in Frage stellt.

Aufgewachsen in Denver, Colorado ist sie nach ihrer Hochzeit mit ihrem Mann nach Deutschland gezogen. Vier ihrer fünf Kinder sind in Mannheim geboren. Ein paar Worte Deutsch spricht sie immer noch. Sie erinnert sich gut an das Heidelbeeren pflücken mit ihren Kindern und die verrückten Zeiten mit ihren Freunden.

Zurück in Amerika nahm sie einen Job bei der Heilsarmee an und kümmerte sich um die Verteilung von Essensmarken. Nach einiger Zeit trennte sie sich von ihrem Ehemann. Zu wenig Liebe und zuviel Alkohol. Aber Grandma Joe war eine attraktive Frau und blieb nicht lange alleine. Nachbar Tom kam immer öfter vorbei um Sachen zu reparieren. Irgendwann blieb Tom einfach und kurze Zeit später hatte Grandma Joe mit ihm einen 14 Jahre jüngeren Ehemann.

Ich sitze mit Grandma Joe am Küchentisch. Tom steht unterdessen in Latzhosen am Herd und grillt Unmengen von Bacon & Eggs zum Frühstück. Grandma Joe ist eine zierliche Dame. Ihre 83 Jahre sieht man ihr nicht an. Es ist fast zehn Uhr morgens und sie ist immer noch im Bademantel.

„Du kannst denken was du willst. Aber ich habe damals beschlossen, dass ich sobald ich in Rente bin nicht mehr früh aufstehen und bis Mittags im Schlafanzug bleiben werde“, sagt sie. „Ich bin einfach zu oft vor dem Morgengrauen aufgestanden. Darauf habe ich keine Lust mehr.“

Das ist wohl das Vorrecht des Alters denke ich und gucke die alte Dame bewundernd an. In Muße zeitlos zu leben und sich nicht darum zu kümmern was die Anderen denken. Grandma Joe lässt einfach die Lust entscheiden, denn niemand zwingt oder drängt sie.

Wie aufs Schlagwort steht sie auf, geht zum Küchenschrank und holt ein Marmeladeglas mit Rosinen hervor. „Ein paar Rosinen in Gin und die Arthritis in meinen Händen ist gleich viel besser“, erklärt sie fröhlich.

„Die Frage ist ob du Rosinen dazu brauchst“, murmelt Tom am Herd vor sich hin, aber Grandma Joe redet einfach weiter. Sie hat ihn wahrscheinlich eh nicht gehört. Sie redet sowieso immer ohne Unterlass. Am liebsten über ihre vielen Kinder, Enkelkinder oder mittlerweile auch Urenkelkinder. Sie sind über das ganze Land verstreut, aber Grandma Joe ist immer bestens informiert. Facebook sei Dank. Sie liebt ihren eigenen Account und checkt ihn halbstündlich.

Wie man selber posten kann hat sie noch nicht herausgefunden, aber dafür wie man die Beiträge anderer teilt. Und so teilt sie fleißig jede Neuigkeit ihrer Enkel, die in ihrem News Feed auftaucht. Die Söhne beim Fischen an der Westküste. Die Geburtstagsparty des jüngsten Urenkel in New York. Ihre Enkelin beim Reiten durch die Berge Montanas. Tom speichert jedes gepostete Bild in eigens angelegten Ordern auf dem Computer ab.

Gegen Nachmittag werden ihre Worte langsamer. „Du musst mich entschuldigen. Aber ich denke ein Mittagsschlaf wäre jetzt genau das Richtige für mich“, sagt sie und ist wenige Minuten später eingeschlafen. Sie liebt ihre kleinen Nickerchen zwischendurch. Warum auch nicht? Grandma Joes Uhr gehorcht mittlerweile nur noch ihren eigenen Gesetzen. Dafür bleibt sie gerne bis spät nachts auf. Denn der nächste Tag im Schlafanzug beginnt ja sowieso nicht vor dem späten Vormittag.

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