27/03/14 Get grounded

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„If you fall, i´ll be there.“
Floor

Es war in an einem Mittwochabend im Fitnessstudio kurz vor halb zehn Ende Mai letzen Jahres. Ein Blick auf den Kursplan verriet, dass es noch einen einzigen Kurs um hab zehn gab. Kundalini Yoga. Alle anderen Kurse waren schon vorbei oder die Teilnehmer quälten sich mit sehnsüchtigem Blick auf die Uhr noch durch die letzen Minuten. Und so saß ich kurze Zeit später bei meditativen Klängen in neonfarbener Sportbekleidung zwischen all den Yogis im Schneidesitz auf dem Boden. Gegenüber Kim der Yogalehrer. Ein schlaksiger, immer lächelnder Hüne, mit langem Bart und Turban. Gehüllt in eine weiße Hose und ein wallendes, weißes Shirt.

Ich mag Yoga. Schweißtreibendes Power Yoga. Aber Kundalini Yoga war mir fremd. Das ungewohnte Vokabular, die Mantren, das Tempo. Alles war soviel langsamer. Ständig hatte man die Augen zu und die Hälfte der Zeit verbachte man auf dem Boden. Ich wollte es mögen, weil ich instinktiv spürte, dass es mir gut tat. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass etwas so vermeintliches Einfaches wie mit geschlossenen Augen einfach nur dazusitzen, mir so meine Grenzen aufzeigen würde.

Im Kundalini Yoga gibt es sieben Haupt Chakren, die als Verbindung zwischen Körper und Geist dienen. Sie sind entlang der Wirbelsäule angeordnet und entsprechen den sieben Hautnervenplexen in unserem Körper. Kim erklärte, dass das erste Chakra am Ende der Wirbelsäule sitzt und die Basis aller Chakren bildet bildet. „Beim Wurzel-Chakra geht es um das körperliche Dasein und sich heimisch fühlen in Situationen. Wenn es geöffnet ist, fühlst du dich geerdet, stabil und sicher. Du fühlst dich im Hier und Jetzt, und verbunden mit deinem Körper. Du hast das Gefühl, genügend Raum zu haben.“, erklärte er.

Mein Wurzel Chakra war anscheinend unter einer Panzertür verschlossen, denn ich hielt es kaum aus einfach nur dazusitzen. Bei der abschließenden Entspannungsübung am Ende überkam mich eine regelrechte Panik. Und so stürmte ich am nach ein paar Minuten Meditation aus dem Raum.

In den letzen Monaten musste ich oft an diese Erfahrung denken. Es scheint als ob dieses Erfahrung eine Sehnsucht geweckt hat. Ich habe seitdem immer wieder Möglichkeiten gesucht, in denen ich mich einfach auf den Boden setzen kann. Das ist gar nicht so einfach. Immer kommt etwas dazwischen. Ein befremdlicher Blick, das Wetter oder in den meisten Fällen einfach mehrere Stockwerke.

Wenn man es ausrechnen würde, habe ich in den letzen Jahren mindestens die Hälfte meiner Zeit sitzend verbracht. Auf großen, schweren Schreibtischstühlen, gemütlichen Sessel, harten Bänke, engen Sitzen auf langen Autofahrten, abgewetzten Sitze in muffeligen Zugabteilen und auf dem federnden Sattel meines alten Fahrrads. Ich sollte also Erfahrung im Sitzen haben. Aber kurioserweise hat mich nichts davon hat dem Boden näher gebracht, sondern mir nur eine eine vermeintliche Bodenhaftung vorgegaukelt.

In Silana gibt es keine rollende Bürostühle oder Barhocker. Es gibt überhaupt keine Stühle. Das einzige Verbindung zum Boden sind Matten aus Palmblättern die in den einfachen, eingeschossigen Häusern direkt auf den harten Böden liegen. Auf diesem Matten findet im Sitzen das Leben statt. Auf den Knien Sitzen ist nicht erlaubt, diese Position ist den Ältesten im Dorf vorbehalten. Die Beine dürfen entweder nach vorne ausgestreckt oder zur Seite angewinkelt sein, was gar nicht so leicht ist, wenn man Sulu tragen muss und die Knie bedeckt werden müssen.

Und so lebe ich nun seit drei Wochen meistens sitzend auf dem Boden. Die Beine eingewickelt in meinem bunten Sulu am Boden, die Knie abgeknickt wie eine Meerjungfrau. Die ersten Tage waren hart. Das ständige Sitzen auf dem harten Untergrund ist gleichmaßen eine Belastung für Körper und Kopf. Alles tut weh, Rücken, Rumpf, Hintern und Beine. Es ist schwer eine Sitzposition zu finden, die temporär einigermaßen bequem und erlaubt ist.

Das Lehrerzimmer der Schule ist die einzige Ausnahme mit einem Tisch und zwei Bänken. Jeden Morgen lasse ich mich erleichtert nach dem Marsch durch die feuchte, tropische Hitze auf eine der Bänke fallen. Milky, der Camp Hund, folgt uns jeden Tag bis ins Lehrerzimmer. Im Gegensatz zu mir hat er kein Problem damit es sich auf dem dreckigen Boden bequem zu machen. Im Gegenteil. Der anscheinend als Hund wiedergeborene Yogi Meister scheint sich mit jeder zusätzlichen Verrenkung mehr entspannen zu können. Tiefenentspannt streckt er alle vier Pfoten in die Höhe und zuckt ab und zu.

Ich beobachte ihn eine Weile fasziniert beim Schlafen. Dann setze ich mich zu ihm. Und bleibe sitzen. In einem Dorf ohne Türen gibt es keinen Platz für Panzertüren.

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