18/02/14 Travel light

Lieber Unbekannter,

wenn man in den Urlaub fährt reduziert man sich. Man nimmt nur das mit, was man wirklich braucht. Wenn man reist reduziert man sich noch mehr. Ultraleichte Mikrofleecehandtücher, Kosmetik in kleinen Tuben, Vakuumbeutel. Die Reiseindustrie hat für dieses Problem viele schön Sachen erfunden. Aber Vakuumbeutel hin oder her. 15 Shirts machen aus jedem Rucksack einen adipösen Fettsack. Sich zu reduzieren ist in unserer Gesellschaft eine Kunst. Man kann alles überall kaufen, ist für jeden Fall gerüstet, hat alles in doppelter Ausführung und drei Farben.

Ich habe genau überlegt was ich mitnehme. Einen Tagesrucksack mit Pass, Kreditkarten, Kamera und sonstigen Wertsachen. Und einen großen Rucksack mit all den Habseligkeiten für ein Jahr. Lieblingsstücke die sich bisher auf Reisen schon bewährt haben. Erinnerungen an zuhause. Den großen Rucksack habe ich bis auf ein paar Sachen leer geräumt und unter den Sitzen des Vans verstaut. Alles andere habe ich im Koffer meines Bruder gelagert, unserem mobilen Kleiderschrank. Jetzt ist er weg.

Als wir Montag Nacht mit der Fähre von der Südinsel in Wellington angekommen sind, waren alle Campingplätze schon geschlossen. Also haben wir auf einem Parkplatz abseits der Stadt übernachtet. Ungeduscht, aber voller Vorfreude auf die neue Insel fuhren wir am Dienstag morgen in die Innenstadt. Ein tolles Frühstück mit Pancakes, Fried Eggs & Flat White. Dann die Cuba Street hoch und runter, eine Straße voller fröhlicher Menschen und individueller Shops. Schrabbelige Tattoostudios, kleine Designläden und süße Cafés halten den großen Ketten noch stand. Kein Starbucks weit und breit. Du kannst stolz sein auf deine Stadt! Mittags Burger essen und Cricket gucken. Am Nachmittag ins Tattoomuseum. Noch ein Eis und dann laut lachend zurück zum Auto.

Es war ein komisches Gefühl die Zahnpasta Tube alleine und verloren auf dem Asphalt liegen zu sehen. Kein gutes Zeichen. Dann die aufgebrochen Schlösser, das Chaos, die fehlenden Sachen. Der Parkplatz war mitten in der Innenstadt an einer viel befahrenen Straße. Direkt nebenan befindet sich eine Autowerkstatt, ein Kino und eine Schule. 12 Dollar haben wir fürs Parken bezahlt und niemand außer der Van hat dich gesehen. Ein komisches Gefühl.

Das Gepäck war nicht versichert und die Eigenbeteiligung für die Versicherung ist hoch. Das ist ärgerlich, aber nur Geld. Manche Sachen dagegen sind mit Geld nicht zu bezahlen. Die Wunderpluderhose vom Hippiemarkt auf Ibiza. Tagsüber, zum Schlafen, beim Mountainbiken, zum Feiern. Diese Hose war überall dabei. Das T-Shirt, das mit mir schon in durch Kalifornien gereist ist und im Bangkok International Hospital verschwitzt mit mir gegen das Dengle Fieber gekämpft hat. Der kleine silberne Elefant, ein Glücksbringer meines Vaters und Mitbringel seiner Weltreise vor 30 Jahren. Mein wunderschöner Ring.

Den Verlust meiner Lieblingsstücke verschmerze ich. Man soll sein Herz nicht zu sehr an Sachen hängen, die man verlieren könnte. Aber so haben wir beide verloren. Ich mache mir nichts aus Marken. Du wirst vergebens nach einem Krokodil oder einem Polospieler auf meinen getragenen Lieblingsstücken suchen. Mein Schmuck ist bis auf die Erinnerungen die an ihm hängen wertlos. Angelaufenes und teilweise verbogenes Metall. Du wirst damit nicht viel anfangen können.

Gerne hätte ich dich persönlich angetroffen. Du hättest mir bei einem Kaffee von dir erzählen können. Vielleicht bist du wirklich in einer Notlage, krank, drogenabhängig oder musst für deine Kinder sorgen. Ich hätte dir den Koffer gerne geschenkt und noch ein paar hundert Dollar obendrauf gelegt.

Du hast unsere Route ohne es zu wissen geändert. Vieles sehen wir jetzt nur noch im Vorbeifahren. Nun geht es direkt nach Auckland. Zu wenig Zeit bleibt für Reparatur und Autoverkauf noch übrig. Das Auto ohne Schlösser wird besser betreut als jedes Baby, einer bleibt immer bei ihm. Dafür hatten wir Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen, die in keinem Reiseführer stehen.

Cindy von der Werkstatt neben dem Parkplatz, die uns tief beschämt über den einen faulen Apfel zwischen alle den tolle Kiwis einen Stellplatz in ihrer Garage für die Nacht anbietet. Der Barmann auf dem Café, der uns telefonieren lässt und uns für den nächsten Tag auf einen Kaffee einlädt. Wade von der Werkstatt, der seinen Kumpel anruft um uns zu helfen.

Trotz des Verlusts fühle ich mich befreit und dafür bin dir dankbar. Ich brauche nicht viel. Ich brauche sogar noch weniger als ich dachte. Das ist ein gutes Gefühl. Sich abwechselnd innerhalb von einer halben Stunde im Discounter Basics wie Socken, Unterwäsche, Shirts, Hose, Shampoo und Zahnpasta kaufen während der andere draußen mit dem offenen Auto wartet, ein verrücktes Gefühl!

Reich bin ich noch immer. Freunde. Familie. Umarmungen. Sonne. Ideen. Küsse. Erinnerungen. Schlafen. Lachen. Die besten Dinge auf der Welt sind zum Glück umsonst. Und ich hoffe trotz allem das es dir daran nicht mangelt.

Deine S.

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