09/02/14 Live

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Am Ende von Glenorchy steht das Schild. 38 km. Noch 38 km bis ins Paradies.

So nah war ich noch nie. Und das bei vollem Bewusstsein und in der Vertikalen, mit beiden Füße fest auf dem Boden. Ich bin etwas verwirrt. 38 km. Ist das noch die Sehnsucht oder befinde ich mich schon mitten im Glück? Bin ich fast am Ziel oder liegt noch fast ein halber Marathon vor mir? Spaziere ich jetzt einfach entspannt weiter oder mobilisiere ich noch einmal alle Kräfte?

Vier intensive Monate habe ich geplant, vorbereitet, aufgelöst, to do Listen abgehakt. Und jetzt bin ich auf einmal da wo ich sein wollte. Habe mich direkt in mein Zukunft katapultiert.

Einen Monat bin ich jetzt weg. Die ersten Woche waren noch leicht. Spazieren gehen. Check. Auto kaufen. Check. Städte angucken. Check. Jetzt ist die Anzahl der Tage an Jahresurlaub aufgeraucht und ich fühle mich schlecht. Kein Montagmorgen der darauf wartet von mir beschimpft zu werden, keine dreiseitigen to do Listen die ich abhaken kann. Keine spontanen Ideen für man Nachts wieder aufsteht. Ich fühle mich im wahrsten Sinne arbeitslos. Schwimmen an Land in meinem beneidenswerten Leben umher.

Länger still sitzen macht mich nervös. Den ganzen Tag arbeiten und vorher noch schnell eine Runde joggen. Drei Mahlzeiten parallel kochen, Stühle abschleifen, wieder Sport. Freunde treffen im Akkord. Die Welt retten. Und das alles an einem Tag.

Radschlagen im Großaumbüro. Herzrasen nicht nur vom Sport oder den vielen Tassen schwarzen Kaffee. Das Designstudium hat sich gelohnt. Ich kann alles ruckzuck entwerfen. DO IT YOURSELF. Ich bin die Heimwerkerkönigin und präsentiere stolz mein selbstgebautes Perpetuum mobil, mein Hamsterrad. Läuft fehlerfrei und hält sich selbstständig in Bewegung.

Aber Hamsterräder gibt es eben auch als mentale Reisevarianten. Auf meiner Verzweiflung schreibe ich einen digitalen Hilferuf. Meine Freundin antwortet mir. „Du versuchst krampfhaft etwas zu finden und jetzt ist gerade die Reise der Mittel zum Zweck“, schreibt sie mir und ich fühle mich ertappt. „Aber so funktioniert so nicht. Wir leben um zu leben.“

Am nächsten Tag entdecke ich den wunderschönen alten Friedhof von Queenstown. Er ist wie aus einer anderen Zeit, alt und verwildert. Viele Gräber sind 200 Jahre alt oder noch älter. Sie sind in den Boden eingesackt, die Steine teilweise gebrochen. Trotzdem ist der Friedhof einer der schönsten Plätze in Queenstown. Große, mit Moos überzogene Engelstatuen wachen über die Gräber. Viele Grabsteine haben liebevolle Inschriften, kurze Geschichten über das Leben.

An einem großen Felsen mit viele kleinen Gedenkplaketten sind bleibe ich stehe. „Life is for living“, steht auf einer Plakette. Ich zucke zusammen und fühle mich zum zweiten Mal ertappt. Demütig und etwas beschämt gehe ich zurück.

Das Leben ist zum Leben da. Ins Paradies kommen wir noch früh genug.

Für Simone

 

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Ein Gedanke zu “09/02/14 Live

  1. „ROUTE (to) BURN“ – Der Weg in die Hölle ist kürzer. 😛 Aber wer will da schon hin, wenn das Paradies lediglich einen Katzensprung weiter davon entfernt ist.

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