05/02/14 Change the perspective

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Der Reiseführer sagt: „In der Mitte des Bildes sehen wir den Mt. Cook, der trotz des Abbruchs der Gletscherspitze 1991 mit 3754 m immer noch der höchste Berg Neu Seelands ist.“

Ich sage: „In der Mitte des Bildes sehen wir eine Kuh, die auf einmal mitten auf der Straße stand und die sich weder für die Autos auf ihrer Spur (immerhin hat sie das Linksfahrgebot beachtet) noch für den Gegenverkehr und am allerwenigsten für den Mt. Cook interessiert hat.“

Mein Reiseführer und ich haben eine kleine Beziehungskrise. Er stresst mich, will mir Sachen vorschreiben, hat alles schon gesehen und weiß vieles besser. Das macht mich wütend, denn ich bin eine erwachsene, moderne Frau und will mir nicht etwas von jemanden Vorschreiben lassen, der selbst noch auf schwarz/weiß steht.

Ich versuche ihn nicht zu ernst zu nehmen, aber er macht es mir nicht leicht. Dick und protzig liegt er vor mir. 831 Seiten geballtes Wissen. Um das alles zu schaffen müsste ich ihn inklusive eines Visums an meine Kinder vererben.

Ehrlich gesagt konnte ich Reiseführer noch nie so richtig leiden. Selbst in meiner Heimatstadt Hamburg bin ich ein Sightseeing Legastheniker. Ich war noch nie auf dem Michel, auf dem Fischmarkt und im Rathaus. Weil es mich nicht interessiert. Ich will mich treiben lassen, einfach stehen bleiben wenn mir etwa gefällt.

Deswegen habe ich einen geheimen Kompromiss mit mir geschlossen. Vor Abreise lese ich nie keinen einzigen Reiseführer. Nun bin ich aber hier. Die vielen emsigen Japaner machen das ganze nur noch schlimmer. Sie geben einem immer das Gefühl des Versagens. Wie fleißige kleine Bienchen fliegen sie von herum und sammeln Selfies vor jedem Touristen Hotspot während ich am liebsten Verpackungen im Supermarkt und Straßenschilder fotografiere.

Vielleicht geht es nicht darum, wer die meisten Sachen gesehen hat. Sondern um die Perspektive. Von der aus haben wir nämlich beide Recht. Die gelbäugigen Pinguine in Oemaru mögen eine Touristen Attraktion sein. Aber ich habe mindestens genauso viel Spaß, heimlich die Leute zu fotografieren, die schwer bewaffnet mit Spiegelrefelexkameras und Teleobjektiven so dick wie speckige Babybeine stundenlang darauf warten, dass die kleinen Biester überhaupt erscheinen.

Im Englischen gibt es ein schönes Wort. Serendipity. Es bedeutet etwas Gutes zu finden ohne es zu suchen. Eben solche Sachen die nicht im Reiseführer stehen, aber mindestens genauso großartig sind. Einen Beutel mit Kakaopulvern, den man an einem kalten Tag im Zimmer findet. Mehr Stunden am Tag in der Sonne zu verbringen als in einer gesamten Arbeitswoche. Nagellack in Farbe der Road Cones kaufen, a tribute to Christchurch. Das Aufschäumen des Shampoos unter der Dusche nach drei Tagen in See baden.  Stundenlang durch den Supermarkt streifen und schöne Verpackungen angucken. Morgens feststellen, dass die Sonne scheint. Die zwangsläufigen Brieffreundschaften, die man mit den Freunden zuhause nun führen muss, die aber so schöne Mails hervorbringen, dass sich das Verreisen alleine dafür lohnt. Eine eiskalte Limonade nach zwei Stunden Wanderung durch die Hitze. Einen zweiten Code für das Wi-Fi, oh du digitales Gold. 

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