04/02/14 Create good memories

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Schöne Momente in den südlichen Alpen gespeichert für den Rückblick

„S?“, fragt Debbie.

„Da-Da-Da“, antworte Beryl mit abwesendem Blick. Sie sitzt in sich versunken in der Küche. Fast scheint es so, als ob sie gar nicht richtig anwesend ist. Ihr Blick fixiert einen Punkt in der Ferne.

Menschen die unter Demenz leiden erinnern sich oft nicht was zum Frühstück hatten oder das sie überhaupt etwas gegessen haben, dafür aber umso mehr an alles was sehr lange zurück liegt.

Ihr Kurzzeitgedächtnis gleicht einer 256 MB Speicherkarte. Schnell bespielt und ebenso schnell wieder überspeichert. Das Langzeitgedächtnis dagegen ist ein Fotoalbum voller Erinnerungen aus der Vergangenheit. Manchmal muss lange kramen, bis man die Momente findet. Etwas verblichen und in schwarz-weiß. Aber sie sind meist noch da.

Und so gräbt Beryl in ihrer Erinnerung und findet dort, versteckt in einer Kiste mit der Aufschrift „Army“, ihre Erinnerungen an das Morsealphabet.

„Da-Da-Da“. S.

Als der zweite Weltkrieg ausbrach ging sie zur Army. Als eines der jüngsten Kinder der Familie endlich eine Chance der Armut zu entkommen. Und so wurde es dort zu ihrer Aufgabe den japanischen Funk abzuhören und die Morsebotschaften zu decodieren. Es war eine schöne Zeit. Freundinnen. Endlich eigenes Geld.

Gedanken an meine eigene Großmutter kommen hoch, die aus Ostpreußen flüchtete. Alles zurücklassen musste. Ich erinnere mich an ihre Geschichten und an die Spuren die der Krieg in ihr hinterlassen hat. Für meine Oma war der Krieg eine lebensbedrohliche Erfahrung. Zwischen den Fronten, auf der Flucht vor dem Russen, Angst. Für Beryl, weit abseits in Neu Seeland, war der Krieg neben all dem Unheil den er brachte, auch eine Chance.

Es dauert einen Moment, bis ihr manche Buchstaben einfallen. Aber die meisten kommen ohne zu zögern, so als ob sie nur kurz zum Mittagessen nach Hause gekommen ist. Aber auch andere Momente fallen ihr ein. Wie sie kurz nach dem Krieg auf einem Tanzball ihren zukünftigen Mann Murray kennen gelernt hat. Zwei linke Füße, aber ein toller Mann. Oder wie gerne sie, zu einer Zeit als Deutschland sich noch auf „Trimm Dich“ Pfaden fit gemacht hat, ihre geliebten Yoga Stunden besucht hat.

Meine Großmutter hat auch ein Fotoalbum, versteckt in den Ecken ihrer Erinnerung. Manchmal öffnet es sich von alleine an Stellen, die  man freiwillig nicht wieder anschauen würde. Der Krieg hat seine unwiderruflich Spuren hinterlassen. „Die Russen schaufeln mein Grab“, ist sicherlich eine diese besonders schlimmen Momente, wenn sich Erinnerungen mit der Realität vermischen. Auf einer Speicherkarte hätte man dieses Ereignis mit dem Sommerurlaub vom letzten Jahr überschrieben.

Kriegen und Krankheiten passieren. Nicht auf alles haben wir einen Einfluss. Aber die meisten Dinge liegen in unserer Hand. Wir leben in einer der friedlichsten Zeiten überhaupt. Noch nie in der Geschichte Deutschlands hat es eine so lange Friedensperiode im eigenen Land gegeben. Wir haben unfassbares Glück und bemerken es noch nicht einmal.

Ich gucke Beryl an. Sie lächelt zufrieden vor sich hin. Ich frage mich woran ich mich einmal erinnern möchte wenn ich alt bin? Was sollen meine Erlebnisse sein, die mich zum Lächeln bringen, wenn die Gegenwart sich nicht mehr speichern lässt?

Die Speicherkarten die wir heute beschreiben sind die Fotoalben von morgen. Und von der Zeit mit dir, liebe Beryl, habe ich eine Sicherheitskopie gemacht.

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